Indiens Regierung inszeniert das Land als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit bald drittgrößtem BIP weltweit, Wachstumsraten von über 7 Prozent, und dynamischem Kapitalmarkt. Kritiker*innen wie Ex-Statistiker Pronab Sen, Ökonom Arun Kumar und Marktanalyst Ruchir Sharma bezweifeln dies jedoch: Reales Wachstum liege wohl eher bei 3,5 Prozent, Arbeitslosigkeit steigt, Handelsdefizit wächst und die Rupie schwächelt. Besonders alarmierend ist die Lage im ländlichen Raum: Über die Hälfte der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, doch deren Wertschöpfung ist rückläufig. Ideologisch motivierte Gesetze, wie Rinderschlachtungsverbote, haben in Teilen Nordindiens die Milchwirtschaft gebremst: Während die landesweite Milchproduktion zwischen 2013 und 2024 um 74 Prozent stieg, wuchs sie im Hindi-Gürtel nur um 46 Prozent. Zum Vergleich im liberaler regulierten Süden stieg sie dagegen um 98 Prozent. Wenn ländliche Vermögensbildung und Konsum schwächeln, geraten auch Industrie und Finanzsektor unter Druck.
Dies wird gespiegelt von den Investor*innen, die weniger Interesse an Indien zeigen. Ausländische Direktinvestitionen sind auf ein 17-Jahres-Tief gefallen, zuletzt war der Netto-FDI (Foreign-Direct-Investments, ausländische Direkt-Investitionen) sogar negativ. Globale Unternehmen verweisen auf ein unsicheres Steuerumfeld; prominente Fälle wie bei der Vodafone Group oder Tiger Global Management zeigen, wie rückwirkende Steuerforderungen der Regierung Vertrauen untergraben. Zugleich wandern Hochqualifizierte und Vermögende ab. Staatsbürgerschaftsverzicht stieg von 120.000 (2011) auf über 220.000 (2022). Besonders folgenreich war zudem die politische Entscheidung, chinesische Investitionen, einst zentral für das indische Start-up-Ökosystem, weitgehend auszuschließen. Heute sucht Neu-Delhi aus Mangel an Alternativen wieder die Annäherung an Peking. Russlands Außenminister Sergei Lawrow wirbt offen für eine engere Russland-Indien-China-Kooperation. Doch nachhaltiges Wachstum braucht Investitionen in Bildung, Kompetenzförderung und verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Ohne strukturelle Reformen droht das indische Wachstumsnarrativ zur Blase zu werden, mit erheblichen sozialen und geopolitischen Konsequenzen.
