DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 

Liebe Freundinnen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

auf internationaler Ebene konnten erneut die Rechte von Dalits und anderen diskriminierten Gemeinschaften sichtbar gemacht und weiter gestärkt werden: Der UN-Ausschuss zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung (CERD) kritisiert Indiens Umgang mit marginalisierten Gruppen: Polizeigewalt, Folter und Diskriminierung gegen Dalits, indigene Völker und Minderheiten. Während die Regierung Indiens erneut auf bestehende Schutzgesetze verweist, stuft der UN-Ausschuss gleichzeitig die Kastendiskriminierung als Rassismus ein. Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Beseitigung der Diskriminierung.

Wie viel Demokratie steckt in Protest? Zwei Artikel in unserem Newsletter zeigen, wie junge Menschen und Dalit-Politiker*innen Fragen von Chancengleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe neu auf die Tagesordnung setzen. Während Studierende gegen ein Bildungssystem protestieren, das soziale Ungleichheit oft verstärkt, verteidigen Dalit-Vertreter*innen innerhalb der Regierungsallianz das Reservierungssystem gegen Forderungen nach seiner Abschaffung. Beide Debatten machen deutlich: Gleiche Regeln bedeuten noch lange keine gleichen Chancen.

Indiens neues Beschäftigungsprogramm VB-G RAM G (Nachfolger von MGNREGA) startete im Juli mit 49 Prozent weniger Personentagen als 2025. Ursachen sind laut Regierung Pauseoptionen für Bundesstaaten in agrarischen Spitzenzeiten. Kritiker*innen sehen jedoch Zentralisierung, Mittelknappheit und Zugangshürden als Probleme. Trotz Versprechen wie mehr Arbeitstagen und höheren Löhnen sank die tatsächliche Beschäftigung deutlich.

Nach jahrzehntelangem Streit wurde in Kerala erstmals ein Dalit-Katholik auf dem gemeinsamen Friedhof beigesetzt – trotz Gerichtsurteil von 2024 blockierten dominantere Kasten die Bestattung zunächst. Erst nach behördlicher Intervention wurde sie für diesen Einzelfall erlaubt. Ein historischer Schritt für Dalit-Christ*innen, der gleichzeitig zeigt, wie tief Kastengrenzen selbst in gleichheitsbetonten Religionen verwurzelt sind.

Viel Spaß beim Lesen wünschen,

das Team der Dalit Solidarität in Deutschland

UN-Ausschuss schlägt Alarm: Gewalt und Diskriminierung gegen Dalits, Adivasi und Rohingya

Der UN-Ausschuss zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung (CERD) äußert nach seiner ersten Überprüfung Indiens seit 2007 „ernste Besorgnis“ über die Lage marginalisierter Gruppen. Genannt werden Berichte über unverhältnismäßige Polizeigewalt, außergerichtliche Tötungen, willkürliche Haft, Folter und sexuelle Gewalt gegen Scheduled Castes (staatlich anerkannte benachteiligte Kastengruppen, darunter Dalits), Scheduled Tribes (staatlich anerkannte indigene Bevölkerungsgruppen, darunter viele Adivasi) sowie ethnische und religiöse Minderheiten. Auch die trotz Verbots fortbestehende manuelle Reinigung von Kanalisation und Latrinen steht in der Kritik. Besonders alarmiert zeigt sich das UN-Gremium über Maßnahmen gegen Rohingya-Flüchtlinge und bengalischsprachige Muslim*innen, darunter Abschiebungen und rassistische Kontrollen. Die indische Regierung verweist dagegen auf Verfassungsschutz, Antidiskriminierungsgesetze und Förderprogramme für diese Gruppen. Grundsätzlich umstritten bleibt, ob Kastendiskriminierung unter das UN-Übereinkommen gegen Rassismus fällt: Indien verneint das, der Ausschuss bezieht Diskriminierung aufgrund eines erblich zugeschriebenen sozialen Status ausdrücklich mit ein.

Lesen Sie auch hier: https://www.thehindu.com/news/national/un-committee-expresses-grave-concern-over-rights-violations-against-scs-sts-rohingya-refugees/article71388439.ece

Vom Prüfungsstress zum Protest: Wenn Konkurrent*innen zu Bürger*innen werden

Soumyajit Bhar von der Brij Mohan Lall Munjal University sieht in den Protesten der Cockroach Janta Party mehr als eine Revolte gegen Prüfungsleaks. Millionen junge Menschen würden in Indien darauf trainiert, einander als Konkurrent*innen um wenige Studienplätze und sichere Jobs zu betrachten und eigenes Scheitern entsprechend als persönliche Niederlage zu verstehen. Dabei seien die Ausgangsbedingungen alles andere als gleich: Ein Dalit-Schüler aus einer schlecht ausgestatteten Dorfschule und ein privilegierter Schüler mit jahrelangem Coaching treten zwar zur selben Prüfung an, kommen aber aus völlig verschiedenen Welten. Der Protest habe diese individualisierte Logik für einen Moment durchbrochen: Aus isolierten Bewerber*innen seien Bürger*innen geworden, die strukturelle Probleme gemeinsam benennen. Die erzwungene Resignation von Bildungsminister Dharmendra Pradhan war für Bhar deshalb nur ein Anfang. Indien brauche besser finanzierte Schulen und Universitäten, mehr Wege in qualifizierte Berufe und ein Verständnis von Begabung, das über Prüfungspunkte hinausgeht. Demokratie beginnt eben manchmal dort, wo Menschen aufhören zu fragen: „Warum habe ich versagt?“, und gemeinsam fragen: „Warum ist das System so gebaut?“

Lesen Sie hier mehr: https://thewire.in/education/when-competitors-became-citizens-the-exam-the-protest-and-the-work-of-democracy

Reservierung unter Beschuss: Dalit-Politiker in der Regierungsallianz widersprechen

Nach Protesten gegen das Reservierungssystem in Neu-Delhi geraten auch Dalit-Politiker*innen der regierenden Parteienallianz National Democratic Alliance unter Druck. Die Demonstrierenden fordern, staatliche Förderung stärker nach Einkommen statt nach Kastenzugehörigkeit zu vergeben. Dalit-Politiker und Minister Chirag Paswan zeigt sich offen für eine Debatte, warnt aber davor, das System grundsätzlich infrage zu stellen. Dalit-Politiker und Minister Ramdas Athawalewird deutlicher: Solange Kastendiskriminierung und Gewalt gegen Dalits bestehen, seien Reservierungen weiter nötig. Seine Botschaft ist klar: Wer Quoten abschaffen will, sollte zuerst das Kastensystem abschaffen. Der Streit zeigt, wie sensibel das Thema auch innerhalb der Regierungsallianz ist.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://news.abplive.com/news/india/anti-reservation-protest-at-jantar-mantar-what-is-the-stand-of-dalit-leaders-in-nda-1863384

125 Tage versprochen, im Juli aber fast halb so viel Arbeit

Indiens neues ländliches Beschäftigungsprogramm VB-G RAM G, das MGNREGA seit dem 1. Juli ersetzt, ist mit schwachen Zahlen gestartet. Nach Angaben des Business Standard gab es im Juli rund 77,6 Millionen Personentage, knapp 49 Prozent weniger als im Juli 2025 unter MGNREGA. Auch die Zahl der Haushalte, die tatsächlich Arbeit erhielten, sank deutlich. Die Regierung verweist vor allem auf eine neue Regelung: Bundesstaaten können das Programm während arbeitsintensiver Phasen in der Landwirtschaft für bis zu zwei Monate pausieren; sieben Staaten nutzten diese Möglichkeit bereits im Juli. Kritiker*innen sehen dagegen grundlegendere Probleme im neuen System, etwa stärkere Zentralisierung, begrenzte Mittel und zusätzliche Hürden beim Zugang. Dabei verspricht VB-G RAM G eigentlich mehr: bis zu 125 statt bislang 100 Arbeitstage pro Haushalt und höhere Löhne. Der erste Monat zeigt damit ein bemerkenswertes Paradox: Auf dem Papier gibt es mehr Beschäftigungsgarantie, in der Praxis zunächst deutlich weniger Beschäftigung.

Mehr Informationen in diesem Video von Business Standard: https://www.youtube.com/watch?v=blsKw9VGBeI

Endlich Ruhe in Würde: Dalit-Christ erkämpft Bestattungsrecht

Nach mehr als zwei Jahrzehnten des Streits um kastenspezifische Ausgrenzung ist ein Dalit-Katholik im Dorf Kottapalayam in Kerala erstmals auf dem gemeinsamen Friedhof der Gemeinde beigesetzt worden. Obwohl ein Gericht bereits 2024 entschieden hatte, dass Dalits den Friedhof nutzen dürfen, verhinderten Angehörige dominanter Kasten die Bestattung. Drei Tage lang blieb der Leichnam im Haus der Familie, während Gemeindevertreter, Polizei und Behörden verhandelten. Erst nach einer offiziellen Intervention wurde die Beisetzung erlaubt, allerdings ausdrücklich nur für diesen einen Fall. Für die Dalit-Christ*innen vor Ort ist das dennoch ein historischer Schritt. Der Streit zeigt zugleich, wie hartnäckig Kastengrenzen selbst dort fortbestehen, wo die Religion Gleichheit predigt. Ein Grabplatz sollte eigentlich kein Privileg sein, sondern das Mindeste an Würde.

Lesen Sie hier mehr dazu: https://mattersindia.com/2026/07/dalit-christian-wins-burial-rights-after-long-struggle/

 
 

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