DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 

Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

Indien gilt als aufstrebende Wirtschaftsmacht: Wie real ist dieses Wachstum? Offizielle Zahlen zeigen Dynamik, doch Arbeitslosigkeit steigt, Einkommen auf dem Land stagnieren und die soziale Ungleichheit wächst. Neue Studien beleuchten menschenwürdige Arbeit in Pakistan durch globale Lieferketten. Politische Debatten drehen sich um Geschichte, Erinnerung und soziale Verantwortung. Kann individueller Erfolg in Indien mit Solidarität und Gerechtigkeit vereinbar werden – oder bleibt er ein Spiegel struktureller Ungleichheit? Und wie sehen die renommierten Romila Thapar und Namit Arora den Umgang mit Geschichte in Indien?

Viel Freude beim Wissen aneignen wünschen euch,

Jacob Desai und Manuela Ott

Indiens Wirtschaftswachstum mehr Schein als Sein?

Indiens Regierung inszeniert das Land als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit bald drittgrößtem BIP weltweit, Wachstumsraten von über 7 Prozent, und dynamischem Kapitalmarkt. Kritiker*innen wie Ex-Statistiker Pronab Sen, Ökonom Arun Kumar und Marktanalyst Ruchir Sharma bezweifeln dies jedoch: Reales Wachstum liege wohl eher bei 3,5 Prozent, Arbeitslosigkeit steigt, Handelsdefizit wächst und die Rupie schwächelt. Besonders alarmierend ist die Lage im ländlichen Raum: Über die Hälfte der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, doch deren Wertschöpfung ist rückläufig. Ideologisch motivierte Gesetze, wie Rinderschlachtungsverbote, haben in Teilen Nordindiens die Milchwirtschaft gebremst: Während die landesweite Milchproduktion zwischen 2013 und 2024 um 74 Prozent stieg, wuchs sie im Hindi-Gürtel nur um 46 Prozent. Zum Vergleich im liberaler regulierten Süden stieg sie dagegen um 98 Prozent. Wenn ländliche Vermögensbildung und Konsum schwächeln, geraten auch Industrie und Finanzsektor unter Druck.

Dies wird gespiegelt von den Investor*innen, die weniger Interesse an Indien zeigen. Ausländische Direktinvestitionen sind auf ein 17-Jahres-Tief gefallen, zuletzt war der Netto-FDI (Foreign-Direct-Investments, ausländische Direkt-Investitionen) sogar negativ. Globale Unternehmen verweisen auf ein unsicheres Steuerumfeld; prominente Fälle wie bei der Vodafone Group oder Tiger Global Management zeigen, wie rückwirkende Steuerforderungen der Regierung Vertrauen untergraben. Zugleich wandern Hochqualifizierte und Vermögende ab. Staatsbürgerschaftsverzicht stieg von 120.000 (2011) auf über 220.000 (2022). Besonders folgenreich war zudem die politische Entscheidung, chinesische Investitionen, einst zentral für das indische Start-up-Ökosystem, weitgehend auszuschließen. Heute sucht Neu-Delhi aus Mangel an Alternativen wieder die Annäherung an Peking. Russlands Außenminister Sergei Lawrow wirbt offen für eine engere Russland-Indien-China-Kooperation. Doch nachhaltiges Wachstum braucht Investitionen in Bildung, Kompetenzförderung und verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Ohne strukturelle Reformen droht das indische Wachstumsnarrativ zur Blase zu werden, mit erheblichen sozialen und geopolitischen Konsequenzen.

Mehr dazu hier: https://bhaskarr.substack.com/p/india-the-paints-beginning-to-peel?utm_source=multiple-personal-recommendations-email&utm_medium=email&triedRedirect=true

Textilsektor-Löhne in Pakistan: Systemisches Versagen

Ein existenzsichernder Lohn für reguläre Arbeitszeit ist ein grundlegendes Menschenrecht und Kernbestandteil menschenwürdiger Arbeit nach Definition der International Labour Organization. Dazu gehören sichere Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung, Vereinigungsfreiheit und echte Mitbestimmung. In der globalen Textil- und Bekleidungsindustrie klafft jedoch eine eklatante Lücke zwischen Anspruch und Realität. Trotz jahrzehntelanger Selbstverpflichtungen internationaler Marken, freiwilliger Verhaltenskodizes und Bekenntnisse zu „Living Wages“ zeigen Recherchen der Clean Clothes Campaign & Co.: Systemische Unterbezahlung, erzwungene Überstunden, Lohndiebstahl und Gewerkschaftsunterdrückung sind strukturell in globale Lieferketten verankert. Internationale Marken dominieren Preis- und Beschaffungsentscheidungen und reichen ökonomische Risiken entlang der Kette nach unten weiter, während Gewinne oben konzentriert bleiben.

Eine neue Studie von Arisa (mit pakistanischen Arbeitsrechtsforscher*innen), analysiert exportorientierte Betrieben europäischer Marken: 
- 99 Prozent erhalten keinen existenzsichernden Lohn (48h -Woche), die Lücke betrug rund ein Viertel bis ein Drittel ihres Nettolohns. 
- 86 Prozent beklagten Lohndiebstahl, 60 Prozent arbeiteten länger als gesetzlich zulässig, 94 Prozent leisteten unfreiwillige Überstunden. 
- 41 Prozent sind verschuldet, die Mehrheit ohne Sozialversicherung 
- Keine Fabrik mit anerkannter unabhängiger Gewerkschaft

Die Empfehlungen der Studie sind daher klar: Zahlung existenzsichernder Löhne, freiwillige und korrekt vergütete Überstunden, transparente und direkte Beschäftigungsverhältnisse, volle Sozialabsicherung, effektive Beschwerdemechanismen und Vereinigungsfreiheit garantieren. Für EU-Unternehmen und Politiker*innen: Sorgfaltspflichten dürfen nicht bei Audits enden – sie müssen Einkaufspraxis, Preiskalkulation und verbindliche Durchsetzung von Arbeitsrechten prägen.

Zur Studie von Arisa geht’s hier: https://arisa.nl/wp-content/uploads/Overworked-and-Underpaid-2025.pdf

Reingehört: Geschichte in Indien als Machtinstrument

Historikerin Romila Thapar und Sozialkritiker Namit Arora analysieren in Speaking of History, warum indische Geschichtsschreibung politisch aufgeladen ist. Sie zeigen, dass historische Erzählungen nicht neutral sind: Sie dienen politischer Interessen und formen Identität, Kultur und Gesellschaft langfristig.

In einer Folge von „Book Shook“, mit Seema Chishti (The Wire), diskutieren sie historische Methoden der Politik, wie Geschichte politisch instrumentalisiert wird und welche Risiken dabei entstehen. Die Debatte geht über das Akademische hinaus, sie dreht sich um Macht, Erinnerungspolitik und kollektive Identität im heutigen Indien.

Guckt mal rein: https://thewire.in/video/watch-book-shook-why-is-history-so-controversial-in-todays-india-romila-thapar-and-namit-arora-explain

Sozialer Aufstieg und politisches Schweigen: Eine Debatte aus Indien

Ein jüngst veröffentlichter Kommentar beleuchtet jene Inder*innen, die aus Arbeiter*innenfamilien oder kastenunterdrückten Gemeinschaften stammen und heute bezahlte Angestellte- oder Manager*innen sind. Die zentrale These: Mit dem sozialen Aufstieg geht häufig politisches Verstummen einher. Der individuelle Erfolg wird als persönliche Leistung gefeiert, während kollektive Kämpfe um Arbeitsrechte, Umverteilung und Kastendiskriminierung in Vergessenheit geraten. 

Kapitalismus befördert diese Verschiebung, indem er strukturelle Ungleichheit personalisiert und Aufstieg als Beweis systemischer Fairness darstellt. Als kulturelle Referenz dient der Film „Albert Pinto Ko Gussa Kyu Aata Hai“ von Saeed Mirza, in dem ein Arbeiter die Spaltung seiner Klasse erkennt.

Besonders zugespitzt wird die Kritik im Hinblick auf das Kastensystem: Klassenmobilität ohne Bewusstsein für die anhaltende Kastendynamik führt nicht zu struktureller Veränderung, sondern festigt bestehende Hierarchien. Erfolgsbiografien suggerieren: „Jede*r kann es schaffen“, und verschleiern so fortbestehende Ungleichheiten. Auch die Faszination für globale Finanz- und Wirtschaftszentren wie Manhattan oder Singapur wird als Symbol einer meritokratischen Sehnsucht interpretiert. Dieses „Vergessen“ ist kein individueller Makel, sondern politische Haltung – mit Folgen für Solidarität, Arbeitsrechte und gesellschaftliche Gleichheit in Indien.

Zum Debattenbeitrag: https://bakeryprasad.substack.com/p/the-class-and-caste-traitor-babies?utm_source=multiple-personal-recommendations-email&utm_medium=email&triedRedirect=true

 
 

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