DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 

Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

Indien bewegt sich auf mehreren Ebenen in unruhigem Fahrwasser: Globalpolitisch wirft der Krieg gegen den Iran innenpolitische Fragen auf und verschärft Spannungen mit Teilen der muslimischen Gemeinschaft. Gleichzeitig erleben Millionen Arbeitsmigrant*innen in den Golfstaaten Unsicherheit, obwohl für viele der Weg ins Ausland existenziell bleibt.

Auch innnepolitisch zeigen sich strukturelle Defizite: Milliardenbeträge für Arbeitsmarktprogramme werden nur unzureichend abgerufen, zentrale Initiativen erreichen nur einen Bruchteil der vorgesehenen Mittel. Parallel dazu verschärft die Regierung mit der geplanten Reform des Foreign Contribution Regulation Act (FCRA) die Kontrolle über zivilgesellschaftliche Organisationen. Kritiker*innen warnen, dass die erweiterten Eingriffsmöglichkeiten - bis hin zur Verwaltung von Vermögenswerten betroffener Organisationen - die Handlungsspielräume von NGOs weiter einschränken könnten.

Parallel dazu verstärken KI-Systeme bestehende soziale Hierarchien. Studien dokumentieren, wie Sprachmodelle das Kastensystem reproduzieren und marginalisierte Gruppen in Berufs- und Statuszuweisungen benachteiligen. 

Ein historisches Signal für gesellschaftliche Sichtbarkeit setzt die katholische Kirche: Kardinal Poola Anthony, der erste Dalit an der Spitze der Katholischen Bischofskonferenz Indiens, übernimmt die Leitung von fast 20 Millionen Katholik*innen. 

Viel Spaß beim Lesen wünschen,

Jacob Desai und Manuela Ott

Mehr Kontrolle, weniger Spielraum: Indiens FCRA-Reform

Die geplante Reform des Foreign Contribution Regulation Act (FCRA) verschärft die staatliche Kontrolle über ausländische Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen in Indien. Künftig kann die indische Regierung stärker in die Verwendung von Geldern eingreifen, unter anderem durch verbindlichere Vorgaben. Außerdem hat sie nun die Möglichkeit, Vermögenswerte von Organisationen zu verwalten, deren Lizenzen entzogen wurden.

Gerade dieser Punkt gilt als besonders weitreichend: Der Staat könnte damit direkten Zugriff auf Ressourcen zivilgesellschaftlicher Akteure erhalten und deren Verwendung steuern. Kritiker*innen sehen darin nicht nur ein administratives Instrument, sondern einen potenziellen Hebel, um Organisationen langfristig zu kontrollieren oder zu schwächen. Die Regierung begründet die Reform mit dem Ziel, Transparenz zu erhöhen und Missbrauch ausländischer Mittel zu verhindern. Gleichzeitig soll die Aufsicht über zivilgesellschaftliche Akteure vereinheitlicht und gestärkt werden.

Mehr Information: 
https://capindia.in/implications-of-fcra-amendment-bill-2026/

https://accountaid.net/wp-content/uploads/2026/03/AccountAid-Capsule-668.pdf

https://www.aninews.in/news/national/general-news/andhra-pradesh-bill-was-urgent-kiren-rijiju-says-govt-holding-back-fcra-bill-not-political-issue20260401165312/

Indien zwischen geopolitischer Eskalation und Migrationsrealität

Der Krieg gegen den Iran entfaltet spürbare innenpolitische und sicherheitspolitische Resonanzen in Indien. Teile der muslimischen Bevölkerung, etwa in Kaschmir, äußern Solidarität mit dem iranischen Regime, was bestehende Spannungen weiter politisiert. Auch regional zeigt sich die Eskalation: In Pakistan kam es nach den ersten Angriffen der USA und Israels zu einem Sturm auf die US-Botschaft. Zugleich wächst in Indien die Sorge über die Militarisierung der eigenen maritimen Nachbarschaft, nicht zuletzt, weil globale Konflikte zunehmend näher an Indiens geopolitische „Haustür“ rücken. 

Während sich die Lage in Westasien zuspitzt, bleibt eine andere Dynamik bemerkenswert stabil: Vor den Visazentren für die Golfstaaten in Neu-Delhi reißen die Warteschlangen nicht ab. Trotz wachsender Unsicherheit halten viele an der Ausreise fest, weniger aus Risikobereitschaft als aus ökonomischen Zwang. Für zahlreiche Familien ist das Einkommen aus dem Ausland existentiell. Die Gefahren des Krieges erscheinen dagegen oft abstrakt.

Diese individuellen Entscheidungen spiegeln eine größere Realität: Rund neun Millionen Inder*innen leben in den Golfstaaten, ihre Rücküberweisungen sichern den Lebensunterhalt vieler Haushalte. Gleichzeitig sind migrierte Arbeiter*innen von den Konflikten besonders betroffen; sie verlieren oft als Erste ihre Jobs, bleiben ohne sicherheitsrelevanten Informationen zurück und sind im Krisenfall kaum geschützt. Das diese gefährliche Lage jedoch die Migration nicht aufhalten kann, zeigt wie prekär die Lage in Indien tatsächlich für arme Bevölkerungsgruppen ist.

Reingehört: Um sich über die Auswirkungen des Kriegs auf den Iran für Indien zu informieren empfehlen wir den Podcast des Deutschlandfunks, hier geht’s zum Podcast: https://www.deutschlandfunk.de/indien-welche-auswirkungen-hat-der-krieg-gegen-den-iran-100.html

Zum Artikel der Times of India zur Lage der Arbeitsmigrant*innen geht’s hier: https://timesofindia.indiatimes.com/city/delhi/without-money-we-will-die-here-as-well/articleshow/129349304.cms?utm_campaign=Worker%2BWeb&utm_medium=email&utm_source=Worker_Web_149

Viel Geld, wenig Wirkung: Indiens Arbeitsmarktpolitik unter Druck

Zwei aktuelle Haushaltsanalysen zeichnen ein kritisches Bild der indischen Arbeitsmarktpolitik. Zwar hat das Ministerium für Arbeit und Beschäftigung im Staatshaushalt 2026/27 mit umgerechnet etwa 3,7 Milliarden Euro eine Rekordzuweisung erhalten. Die revidierten Zahlen zeigen jedoch, dass rund 61 Prozent der Mittel aus dem Vorjahr ungenutzt blieben. Besonders Programme für marginalisierte Gruppen, zur Bekämpfung von Kinderarbeit oder zur Arbeitsmarktvermittlung wurden nur teilweise umgesetzt: Von umgerechnet 3,5 Milliarden Euro für zentrale Projekte flossen lediglich umgerechnet etwa 1,3 Millionen Euro tatsächlich ab. Auch die Ausgaben für soziale Dienste gingen insgesamt zurück, ein Hinweis auf strukturelle Probleme in der Umsetzung.

Ein zweiter Bericht, der die Programme im Detail betrachtet, bestätigt diese Diagnose: So wurden im letzten Jahr lediglich rund 5 Prozent der Mittel eines zentralen Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms ausgegeben. Vor diesem Hintergrund erscheint auch das neue Flaggschiffprogramm „Pradhan Mantri Viksit Bharat Rozgar Yojana“ (PM-VBRY), das mit über 2,2 Milliarden Euro ausgestattet ist, ambivalent. Die Diskrepanz zwischen ambitionierter Budgetpolitik und schwacher Mittelverwendung deutet weniger auf fehlende Ressourcen als auf grundlegende Defizite in Anreizstrukturen, Zielgenauigkeit und staatlicher Umsetzungskapazität – und stellt damit die arbeitsmarktpolitische Strategie der Regierung insgesamt infrage. 

Mehr Information: https://www.business-standard.com/budget/news/economy-budget-2026-labour-ministry-funds-unspent-despite-record-outlay-126020201203_1.html?utm_campaign=Worker%2BWeb&utm_medium=email&utm_source=Worker_Web_144

https://economictimes.indiatimes.com/news/india/india-spends-just-5-of-flagship-skilling-fund-in-fy26/articleshow/127885519.cms?from=mdr&utm_campaign=Worker%2BWeb&utm_medium=email&utm_source=Worker_Web_144

Wenn Algorithmen Hierarchien lernen: KI und das Kastensystem

Studien zu großen Sprachmodellen zeigen klar, KI reproduziert in Indien kastenspezifische Hierarchien, oft schon auf Basis minimaler Informationen. In Tests, die nur mit Nachnamen arbeiteten, wurden brahmanisch konnotierte Namen systematisch mit höher angesehenen Berufen und positiven Attributen verknüpft. Dalit-Namen hingegen erschienen mit niedrig bewerteten Tätigkeiten und negativen Zuschreibungen. Diese Muster sind kein Einzelfall, sondern zeigen sich konsistent über verschiedenen Modelle und Studien hinweg und spiegeln die gesellschaftlichen Trainingsdaten wider.

Studien wie „DECASTE“ belegen zudem, dass die Modelle Identitäten entlang sozialer Hierarchien ordnen. Höhere Kasten liegen näher an Begriffen wie Bildung und Wohlstand, marginalisierte Gruppen näher an Armut und niedrigem Status, selbst dann, wenn explizit diskriminierende Outputs herausgefiltert werden. In Experimenten mit identischen Profilen erhielten brahmanische Personen prestigeträchtigere Aufgaben, während Dalits auf assistierende Rollen reduziert wurden. Auch narrative Auswertungen zeigen eine deutliche Überrepräsentation dominanter Kasten und eine Unterrepräsentation von marginalisierten Gruppen.

Versuche, diese Verzerrungen durch „diversere“ Prompts oder Sicherheitsfilter zu korrigieren, greifen bislang nur begrenzt. Sie verändern einzelne Ergebnisse, aber nicht die zugrunde liegenden Strukturen. Gerade weil KI zunehmend in sensiblen Bereichen wie Recruiting oder Kreditvergabe die KI eingesetzt wird, ist das kein Randproblem, sondern eine digitale Reproduktion sozialer Ungleichheit mit potentiell weitreichenden Folgen.

Mehr dazu hier: https://timesofindia.indiatimes.com/india/ai-knows-how-caste-works-in-india-heres-why-thats-a-worry/articleshow/128448262.cms

Historische Wahl: Erster Dalit-Kardinal an der Spitze der indischen Bischofskonferenz

Der erste Dalit-Kardinal Indiens, Poola Anthony, wurde auf der 37. Vollversammlung der Katholischen Bischofskonferenz Indiens (CBCI) zum neuen Vorsitzenden gewählt. Mit 64 Jahren übernimmt er die Leitung einer Kirche mit fast 20 Millionen Katholik*innen; ein historischer Schritt, da erstmals ein Dalit-Prälat dieses Amt innehat. Angesichts zunehmender Angriffe auf Christ*innen und Geistliche kommt seiner Rolle auch eine wichtige Bedeutung für den Schutz religiöser Minderheiten zu.

Geboren 1961 in Poluru, wurde Anthony 1992 zum Priester geweiht und war Vikar und Pfarrer in verschiedenen Gemeinden. Nach einem Masterstudium in Seelsorge in den USA (2001-2003) leitete er die Christian Foundation for Children and Aging. 2008 wurde er Bischof von Kurnool, 2020 Metropolit von Hyderabad und 2022 von Papst Franziskus zum Kardinal ernannt. Seine Wahl markiert nicht nur eine persönliche Karriere, sondern auch eine wachsende Sichtbarkeit historisch marginalisierter Gruppen innerhalb der indischen katholischen Kirche. Inwieweit daraus konkrete Verbesserungen für die Dalits in der indischen Gemeinde entstehen bleibt spannend.

Mehr dazu hier: https://indianexpress.com/article/india/cardinal-poola-anthony-elected-cbci-president-first-dalit-leader-catholic-church-india-10519510/

 
 

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