DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freundinnen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

Im Newsletter Anfang September haben wir einen Blick auf die indischen Wahlen und die bedeutende Rolle der radikal-hinduistische RSS in Indien geworfen. In der heutigen Ausgabe gibt es einen ausführlicheren Artikel, der die RSS und ihre Geschichte aus einer „Insider-Perspektive“ beleuchtet – ein „Must-Read“ für alle, die sich näher mit der Politik Indiens unter Modi beschäftigen wollen.

Zusätzlich richten wir unseren Blick nach Europa und einer Untersuchung, die sich mit den Arbeitsbedingungen südasiatischer Arbeiter*innen in Deutschland und Europa beschäftigt. Die letzten beiden Artikel des Newsletters befassen sich mit dem Verhältnis von Dalits und Geld: Einerseits wird das Einkommen von Dalit-Unternehmer*innen im Vergleich zu anderen Geschäftsleuten betrachtet, andererseits beleuchten wir, wie die lokale Regierung in Karnataka öffentliche Gelder für Dalits umwidmet – und wie Dalits dagegen protestieren.

Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Herbst wünscht,

Manuela Ott

Ein Blick hinter die Kulissen des Hindu-Nationalismus

In einem ausführlichen Artikel des Guardian spricht ein Journalist mit Partha Banerjee, dem Autor des Buches „In the Belly of the Beast: The Hindu Supremacist RSS and the BJP of India, An Insider’s View“ (frei ins Deutsche übersetzt: „Im Bauch der Bestie: Die hindu-nationalistische Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) und die Bharatiya Janata Party (BJP), aus der Sicht eines Eingeweihten“). Banerjee, der selbst lange Teil der RSS war, bietet faszinierende, aber auch erschreckende Einblicke in das Innenleben dieser Organisation, die rund 4 Millionen Mitglieder hat. Die RSS und die BJP stehen für ein hindu-nationalistisches Indien. Banerjee zeigt in seinem Buch wie ein Leben in der RSS im Alltag aussah.

Aufgewachsen ist er unter einem Vater, der sich Zeit für die Cricket- und Fußballspiele seines Sohnes nahm und gerne mit ihm ins Kino ging. Heute versteht Partha Banerjee jedoch, dass sein Vater ein RSS-Kader war und „völlig rassistisch, islamfeindlich und faschistisch“ war. Für Banerjee sind die RSS und die BJP so gefährlich, da sie über Jahrzehnte eine Doktrin verbreitet haben, auf die Indiens Premierminister Modi heute aufbauen kann. Modi und die BJP, so Banerjee, verwandeln Indien in einen faschistischen Staat – mit der gütigen Unterstützung einer Masse von Menschen, die „nicht denken kann (…) und den Anführern, ohne zu hinterfragen folgt“. Er könne das gut beurteilen, sei er doch selbst ein aufstrebendes Mitglied der RSS gewesen. In den 70ern, als die RSS verboten war, half er dabei, Organisationen zu gründen, die unter anderen Namen die Arbeit der Hindu-Nationalisten fortführten. Bis er schließlich ausstieg und heute erkennt, wie wichtig es ist, die Menschen Indiens über die alltäglichen Praktiken der RSS aufzuklären, die bis heute den Nährboden für den Faschismus in Indien bieten.

Mehr dazu hier: https://www.theguardian.com/world/article/2024/aug/01/inside-the-rss-india-hindu-nationalism

Zwischen Hoffnung und Ausbeutung: Arbeitsmigrant*innen aus Südasien in Europa

Wenn Sie an Migration aus Indien nach Deutschland denken, kommt Ihnen wahrscheinlich zuerst die Zuwanderung sogenannter „hochqualifizierter“ Arbeiter*innen in den Sinn, etwa im IT-Sektor. Tatsächlich wurde im Jahr 2022 ein bilaterales Abkommen mit dem Titel „Deutsch-indisches Migrations- und Mobilitätsabkommen“ geschlossen, um diesen Bereich zu fördern. Doch die Migration aus Indien in den europäischen und deutschen Arbeitsmarkt reicht weit über diese Sektoren hinaus. Arbeitsmigrant*innen sind vor allem in Branchen unverzichtbar, die ein hohes Risiko für Ausbeutung bergen und in denen das Arbeitsrecht nur unzureichenden Schutz bietet – wie in der Landwirtschaft oder bei Lieferdiensten.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Südasiat*innen, die nach Europa einwandern, um in diesen und anderen Sektoren zu arbeiten, stark angestiegen. Tausende von ihnen sind Niedriglöhnen, langen Arbeitszeiten und weit verbreitetem Missbrauch ausgesetzt. Obwohl sich Arbeitnehmer*innen und Gewerkschaften wehren, bleibt noch viel zu tun, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen.

Ein tragisches Beispiel für diese systematische Ausbeutung ist der Tod des indischen Landarbeiters Satnam Singh am 19. Juni dieses Jahres. Er kam auf einer Melonenfarm in Latina, Italien, ums Leben, nachdem er von einer Maschine schwer verletzt worden war. Laut Expert*innen hätten seine Verletzungen nicht zwangsläufig tödlich sein müssen, wäre er rechtzeitig medizinisch versorgt worden. Doch sein Arbeitgeber ließ ihn stattdessen vor seinem Haus auf der Straße zurück, und er starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Satnam Singhs tragischer Tod steht stellvertretend für das Leid, das viele südasiatische Arbeitsmigrant*innen in der EU ertragen müssen. Um mehr über ihre prekäre Lage zu erfahren, sprach Nadja Dorschner von der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem in Berlin lebenden Forscher und Aktivisten Aju John. Sie beleuchteten nicht nur die Umstände von Singhs Tod, sondern auch die schwierigen Arbeitsbedingungen im Berliner Lieferdienstsektor, der in den letzten Jahren zunehmend von Arbeitskräften aus Südasien geprägt wird.

Mehr dazu hier: https://www.rosalux.de/en/news/id/52452/south-asian-workers-in-europe-deserve-better

Sozialkapital ohne Mehrwert für Dalit-Unternehmer*innen

Unternehmer*innen aus Dalit-Gemeinschaften verdienen 16 Prozent weniger als andere Unternehmer*innen, wie eine Studie über Einkommensverhältnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen ergeben hat. Damit, so die Forscher*innen, werde die soziale Stigmatisierung widergespiegelt, mit der Dalit-Gemeinschaften konfrontiert sind.

Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass „soziales Kapital“, ein Konzept des Soziologen Pierre Bourdieu, das oft als positive Kraft im Kampf gegen soziale Stigmatisierung angesehen wird, nicht dazu beigeträgt, das Einkommen von Unternehmer*innen aus Dalit-Gemeinschaften zu verbessern.

Laut der Studie hatte das Sozialkapital zwar einen positiven Einfluss auf andere marginalisierte Gruppen wie die Other Backward Classes (OBCs), Scheduled Tribes (STs) und Muslim*innen – je größer ihr Sozialkapital, desto höher ihr Einkommensniveau. Für Dalit-Gemeinschaften oder Scheduled Castes (SCs) aber spielte das Sozialkapital keine Rolle, was zu einem Einkommensnachteil im Vergleich zu anderen mit dem gleichen Sozialkapital führte.

Die Studie mit dem ins Deutsche übersetzten Titel „Es kommt nicht darauf an, wen man kennt, sondern wer man ist: Erklärung der Einkommensunterschiede von Geschäftsinhabern stigmatisierter Kasten in Indien“, die in der Zeitschrift Plos One veröffentlicht wurde, ist eine der ersten, die Einkommensmuster in verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes untersucht.

„Wir glauben, dass dies [die Einkommensnachteile] darauf zurückzuführen ist, dass Dalits mit einem Stigma konfrontiert sind, das ihnen als Personen anhaftet und in sozialen Interaktionen fortbesteht“, sagte Hari Bapbuji, Professor für Management an der University of Melbourne, Australien, und Mitglied des Forschungsteams, dem Telegraph.

Mehr dazu hier: https://thewire.in/caste/dalit-business-owners-earn-15-18-less-than-others-finds-study

Karnataka: Dalit-Proteste gegen Umwidmung von öffentlichen Mitteln

Eine Dalitgruppe protestierte gegen die Umwidmung öffentlicher sog. Subplan-Mittel für Wohlfahrtsprogramme für Scheduled Castes und Scheduled Tribes und forderte deren Rücknahme.

Laut den Protestierenden müsse eine Arbeitsgruppe gebildet werden, die die Zuweisung der Subplan-Mittel überwacht und ihren Missbrauch kontrolliert. Ihr Vorschlag ist, Schüler*innen aus SC/ST-Gemeinschaften kostenlose Bildung von der Grundschule bis zur Hochschule zu ermöglichen. Finanzielle Unterstützung sollte ebenfalls für den Bau von Wohnraum gewährt werden, und Landlosen aus der Gemeinschaft sollte Land zugewiesen werden.

Ob der Protest erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten.

Mehr dazu hier: https://timesofindia.indiatimes.com/city/mangaluru/dalit-organisation-protests-diversion-of-scsptsp-funds/articleshow/112121033.cms

 
 

Wenn Sie unseren Newsletter in Zukunft nicht mehr erhalten möchten, klicken Sie bitte hier