DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freundinnen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

während das Jahr 2024 auf die Zielgerade zu geht, möchten wir in dieser Ausgabe des Newsletters verschiedene Themen aufgreifen, die sowohl die aktuelle politische Landschaft als auch die sozialen Herausforderungen in Indien betreffen. Wir werfen einen Blick auf die kürzlich erschienenen Memoiren von Angela Merkel, in denen sie ihre Perspektiven auf die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Indien teilt. Außerdem berichten wir über eine spannende Filmvorführung und beleuchten die komplexen Verhältnisse innerhalb Indiens Unternehmenswelt sowie die anhaltende Diskussion um die Kastenfrage. Ein besonderes Augenmerk in dieser Ausgabe liegt auf der Situation von christlichen und muslimischen Dalits und welche politischen und gesellschaftlichen Debatten ihre Religionszugehörigkeit auslöst.

Wir wünschen eine gute Winterzeit und schöne Feiertage,

Manuela Ott

Angela Merkel über Modi, Singh und die Herausforderungen Indiens

In ihrem Buch „Freiheit: Memoirs 1951-2021“ betont die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Herausforderungen im Umgang mit Indiens Premierminister Narendra Modi. Sie habe Modi wiederholt auf die zunehmenden Angriffe auf muslimische und christliche Gemeinschaften durch Hindu-Nationalisten angesprochen, was Modi stets vehement bestritten habe. Doch sie widerspricht ihm: „Leider sagen die Fakten etwas anderes“. Für Merkel bleibt die Religionsfreiheit ein essenzieller Baustein jeder Demokratie und sie behält bis heute eine Skepsis gegenüber der Fähigkeit der aktuellen indischen Regierung, diese zu gewähren.

Ihre diplomatischen Kontakte zu Indien fingen früh an: Ein Teil ihrer Erinnerungen widmet sich ihrem Austausch mit Manmohan Singh, dem ersten nicht-hinduistischen Premierminister Indiens. Merkel schildert, wie Singh das Ziel betonte, den Lebensstandard der 800 Millionen Menschen in ländlichen Regionen zu verbessern – das Zehnfache der deutschen Bevölkerung. Aus den Gesprächen mit Singh gewann Merkel nach eigenen Worten generell ein besseres Verständnis für die Sichtweise der Schwellenländer: „Wir erwarteten von ihnen Interesse an unseren Problemen, zeigten aber oft wenig Verständnis für ihre“.

Singh hob laut Merkel die kulturelle Vielfalt Indiens als besondere Stärke hervor. Mit 22 Amtssprachen und einer jahrtausendealten Geschichte sei Indiens Einheit nicht selbstverständlich. Merkel zitiert Singh, der die Einheit Indiens, aufgrund seiner Größe und der kulturellen Vielfalt eher mit der der Europäischen Union als mit einem Land vergleicht.

Mehr dazu hier: https://m.thewire.in/article/diplomacy/merkel-modi-memoir-religious-tolerance/amp

Film-Vorführung in Göttingen: „Prisoner No. 626710 is Present“

Am 16. Januar 2025 um 19:30 Uhr zeigt das Centre for Modern Indian Studies (CeMIS) an der Universität Göttingen im Kino Lumière den Dokumentarfilm „Prisoner No. 626710 is Present“. Der Film, der mit dem „Cinema of Resistance“ Award beim SiGNS-Festival 2024 in Kerala ausgezeichnet wurde, thematisiert den Fall von Umar Khalid, einem studentischen Aktivisten, der seit 2020 ohne Anklage in Untersuchungshaft sitzt. Der Film dokumentiert die Verhaftung von Umar Khalid, der wegen seiner Proteste gegen das umstrittene Staatsbürgerschaftsgesetz ins Visier der Behörden geriet. Verhaftet wurde er unter dem „Unlawful Activities Prevention Act“, einem Anti-Terrorgesetz, das es ermöglicht, Menschen ohne ordentliches Gerichtsverfahren festzuhalten. Freund*innen von Khalid rekonstruieren in der Dokumentation die Geschehnisse anhand von Redemitschnitten und einer forensischen Analyse seiner Darstellung in hindunationalistischen Medien.

Nach der Filmvorführung findet eine Diskussion mit dem Filmemacher Lalit Vachani, CeMIS, und mit Michael Gottlob, Amnesty International Deutschland, statt.

Trailer zum Film ansehen: Hier klicken

Datum: 16. Januar 2024
Uhrzeit: 19:30 Uhr
Ort: Kino Lumière

Weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/film+screening+%e2%80%9cprisoner+no.+626710+is+present/693592.html

Indiens Arbeitswelt: Kaste als blinder Fleck in Diversitätsdebatte

Während indische Unternehmen auf ihren Webseiten oft stolz von Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion sprechen, bleibt ein zentrales Thema auffallend unerwähnt: Kastenzugehörigkeit. Begriffe wie „Geschlecht“, „ethnische Zugehörigkeit“ und „körperliche Fähigkeiten“ finden sich häufig, doch die soziale Realität der Kastenzugehörigkeit, die das Leben von Hunderten Millionen Menschen beeinflusst, wird oft verschwiegen. Dabei gibt es gute Gründe, dieses Thema zu adressieren.

Laut eines Berichts des World Inequality Lab ist die Kastenfrage in der modernen indischen Arbeitswelt ungelöst. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty analysiert, dass die wirtschaftlichen Ungleichheiten in Indien eng mit dem tief verwurzelten Kastensystem verbunden sind.

Studien belegen, dass Bewerber*innen aus unteren Kasten im Bewerbungsprozess diskriminiert werden und Dalits, die heute vermutlich mehr als die offiziellen 16 Prozent der Bevölkerung ausmachen, in gut bezahlten Jobs stark unterrepräsentiert sind. Selbst in Großstädten bleibt die Kaste ein unsichtbares, aber wirkungsvolles Kriterium, das sich in Vorstellungsgesprächen, Karrierechancen und sozialen Beziehungen zeigt.

Ein Umdenken ist daher dringend erforderlich. Diversitätsexpert*innen schlagen vor, Stellen explizit für marginalisierte Kasten zu öffnen und Quoten einzuführen. Dass Diversität auch wirtschaftliche Vorteile bringt, belegen Studien: Firmen, die kastenübergreifend rekrutieren, steigern langfristig ihren Marktwert. Ziel muss es einerseits sein, in die Diversitätsvorhaben der Unternehmen auch Kastendiskriminierung auszunehmen und zeitgleich bei Personen, die im Recruiting arbeiten über Kastendiskriminierung aufmerksam zu machen und diese Personen richtig zu schulen.

Mehr dazu hier: https://www.ft.com/content/b0a7eb5e-2f03-4855-81ea-3d8fd07e4b26

Kontroverse um Status für christliche und muslimische Dalits

Der Vorsitzende der National Commission for Scheduled Castes, Kishor Makwana äußerte sich im jüngsten Diskurs um die Vergabe des „Scheduled Caste“ (SC)-Status für Dalit-Christ*innen und -Muslim*innen deutlich dagegen. Er betonte, dass die Verfassung Indiens, insbesondere der Constitution (Scheduled Castes) Order von 1950, vorschreibt, dass nur Dalits aus den hinduistischen, buddhistischen oder sikhischen Gemeinschaften den SC-Status erhalten können. Diese Regelung basiere auf dem historischen Stigma der Unberührbarkeit und den damit verbundenen Diskriminierungen, denen Dalits ausgesetzt sind.

Makwana warnte vor den Auswirkungen einer Erweiterung des SC-Status auf für Dalits, die konvertiert sind, da dies den Grundsatz der Unterscheidung zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften infrage stellen würde. Er argumentierte, dass eine solche Entscheidung nicht nur das Abkommen von Pune, das durch Dr. Babasaheb Ambedkar im Interesse der SC-Gemeinschaft geschlossen wurde, untergraben würde, sondern auch eine ungerechte Verzerrung der historischen Kämpfe um die Rechte der Dalits darstellen würde.

Während die regierende BJP sich gegen die Gewährung des SC-Status für diese Dalit-Konvertiten ausgesprochen hat, fordern mehrere Dalit-Gruppen den SC-Status für sie.

Mehr dazu hier: https://www.newindianexpress.com/nation/2024/Nov/04/will-oppose-sc-status-to-dalit-converts-ncsc-chief

 
 

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