DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

während sich in deutschen Medien vieles um die anstehende Bundestagswahl dreht, rücken wir in diesem Newsletter wie gewohnt den südasiatischen Subkontinent in den Fokus.

Im Mittelpunkt steht der Qualitätsabfall an indischen Universitäten in den letzten Jahren. Der Newsletter blickt auf Nepal und die Situation für Dalits. Ist es so wie die nepalesische Regierung behauptet, dass „Unberührbarkeit“ der Vergangenheit angehört? Außerdem schauen wir auf Dalit Künstler*innen: Die Filmwelt, in der mehr und mehr Dalits im Mittelpunkt stehen wie auch in der Fotoausstellung von Asha Thadani.

Viel Freude beim Lesen,

Manuela Ott

Alarmierender Qualitätsabfall an Indiens Universitäten

Indien hat seit seiner Unabhängigkeit bemerkenswerte Fortschritte in Wissenschaft und Technologie gemacht. Die Förderung von Grundlagenwissenschaften, Sozialwissenschaften und Technologie schuf ein forschungsfreundliches Umfeld, das sich in bedeutenden Erfolgen widerspiegelt und Wissenschaftler*innen aus der Welt anlockt. Soziale Programme wie das zur Schulverpflegung können bei effizienter Umsetzung dazu beitragen, Unterernährung zu reduzieren und den Zugang zu Bildung zu verbessern.

Trotz dieser Erfolge ist die Forschungsqualität in Indien seit einigen Jahrzehnten rückläufig. In globalen Ranglisten liegt das Land bei Zitierhäufigkeiten pro wissenschaftlicher Publikation hinter vielen asiatischen Ländern. Besonders in Geistes- und Sozialwissenschaften mangelt es an Veröffentlichungen in relevanten Zeitschriften. Zudem investiert Indien nur 0,7 Prozent seines BIP in Forschung und Entwicklung, während Länder wie Deutschland (3,1 Prozent) oder Cuba (11,5 Prozent) deutlich mehr aufwenden. Dieser Rückgang ist besorgniserregend, da Wissenschaft und Technologie eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung spielen.

Indische Expert*innen sagen, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Regierung, Universitäten und Industrie erforderlich ist, um Indiens Innovationskraft wiederzubeleben. Forschung muss qualitativ statt quantitativ bewertet werden, um wissenschaftliche Exzellenz zu fördern. Zudem sind gezielte Investitionen in die Grundlagenforschung notwendig, um langfristige Entwicklungen in angewandten Wissenschaften zu ermöglichen. Nur mit einer nachhaltigen Forschungsstrategie kann Indien seine wissenschaftliche Bedeutung auf globaler Ebene zurückgewinnen.

Mehr dazu hier: sabrangindia.in/alarming-decline-in-quality-of-research-teaching-in-indian-universities/

Fotoausstellung „Broken“: Unsichtbares sichtbar machen

Die Fotografin Asha Thadani rückt mit ihrer Ausstellung Broken im India Habitat Centre in Delhi das Leben von Dalit-Gemeinschaften in den Fokus. Über Jahre hinweg hat sie zehn verschiedene Dalit-Gemeinschaften in Indien begleitet – darunter die Minenarbeiter*innen von Jharia, die Fischer*innen von Varanasi und Ziegenkopfverarbeiter*innen (Holeyas). Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen brutale Arbeitsbedingungen und systematische Diskriminierung, unter denen diesen Gemeinschaften leiden. Die Holeyas beispielsweise verbrennen täglich Ziegenköpfe in einfachen Öfen, ihre Gesichter sind von der Hitze gezeichnet.

Besonders eindrücklich ist der Widerspruch zwischen Glauben und sozialer Realität. So werden Frauen aus der Mala-Dalit-Gemeinschaft als „Göttinnen“ verehrt, zugleich jedoch systematisch ausgebeutet. Thadani zeigt mit ihrer Ausstellung, dass Kasten-Diskriminierung in Indien nicht der Vergangenheit angehört, sondern sich tief in Arbeitsverhältnissen und sozialen Strukturen manifestiert. Ihr Ziel ist es, Diskussionen über Kaste, Macht und soziale Gerechtigkeit zu initiieren und Besucher*innen anzuregen, über ihre eigene Rolle in diesem System nachzudenken.

Fotos und mehr dazu hier: https://www.livemint.com/mint-lounge/art-and-culture/broken-photography-exhibition-asha-thadani-ten-dalit-communities-111703220267881.html

Nepal und das Problem mit der „Unberührbarkeit“

Die gesellschaftliche Marginalisierung von Dalits in Nepal ist tief verwurzelt und bleibt trotz politischer Erklärungen und Reformbemühungen bestehen. Das 2006 von der Übergangsregierung verkündete Verbot der „Unberührbarkeit“ war ein historischer Moment, der viele Dalits hoffen ließ. Doch in der Praxis hat sich wenig verändert: Diskriminierung und Gewalt gegen Dalits sind weiterhin an der Tagesordnung; der Wille für Reformen fehlt. Amnesty International bestätigt in seinem aktuellen Bericht, dass die strukturelle Benachteiligung anhält, auch wenn sie sich in veränderter Form manifestiert.

Ein wenig diskutiertes, aber bedeutendes Problem ist die interne Hierarchie innerhalb der Dalit-Gemeinschaften selbst. Wie der Sozialwissenschaftler Louis Dumont („Homo Hierarchicus“, 1956) herausstellte, reproduzieren Dalits oft selbst diskriminierende Praktiken gegenüber anderen Sub-Kasten. So verweigern Angehörige der Kaste der Schmiede in nepalesischen Bergregionen anderen Dalit-Gruppen den Zugang zu Wasserquellen, während im Terai Angehörige der Paswan (Korbmacher*innen) nicht dieselbe Wasserstelle mit einem Chamar  (Lederarbeiter*in) oder Dom (Wäscher*in) teilen würde. Diese internen Kastenstrukturen verhindern solidarische Bewegungen und verlangsamen den Wandel.

Die vollständige Abschaffung der sogenannten „Unberührbarkeit“ bleibt daher ein fernes Ziel. Ein Lichtblick ist die Hoffnung auf eine gestärkte, unabhängige Dalit-Befreiungsbewegung, die politischen Druck ausübt, um rechtliche Schutzmaßnahmen effektiver durchzusetzen. Zudem müsste eine tiefgreifende gesellschaftliche Bewusstseinsbildung stattfinden, die die ideologische Grundlage des Kastenwesens infrage stellt.

Mehr dazu hier: https://kathmandupost.com/columns/2025/01/20/can-untouchability-be-eradicated-in-nepal

Südindisches Kino räumt mit verstaubten kastenbasierten Narrativen auf

Südindisches Kino erlebt einen radikalen Wandel: Regisseure wie Pa Ranjith, Mari Selvaraj und Gopi Naynar brechen mit jahrzehntelangen, brahmanisch geprägten Erzählweisen und rücken die selbstbewusste, emanzipierte Dalit-Identität in den Mittelpunkt. In Filmen wie Natchathiram Nagargiradhu wird beispielsweise mit markanten Szenen – etwa der provozierenden Frage einer Dalit-Frau an ihren brahmanischen Partner „isst du Rindfleisch?“ – der bisherige Savarna-Blick aufgebrochen und das Publikum direkt zum Nachdenken angeregt.

Beobachtungen des Forschers Apeksha Singegol zeigen, dass diese neue Welle des Dalit-Kinos längst verstaubte Klischees überholt und kraftvolle Bilder entgegensetzt: Heute stehen Dalits als freimütige, gebildete und handlungsfähige Subjekte im Zentrum. Selbst Schweine und Esel, die traditionell mit Dalits in Verbindung gebracht werden, erfahren eine neue Form der Wertschätzung. Zudem werden Filme an Orten gedreht, die für Dalits von zentraler Bedeutung sind.

In Klassikern war dies nie denkbar, sie stellten stets Heldenfiguren aus oberen Kasten ins Rampenlicht und verfestigten traditionelle Rollenbilder. Mit ihrem subversiven Ansatz holen Dalit-Filmemacher*innen diese überholten Narrative ein und rekonstruieren die Erzähltradition, indem sie die bisher verborgenen Geschichten und die gelebte Realität der Dalit-Gemeinschaften in den Vordergrund rücken – ein mutiger Schritt hin zu einer inklusiveren und kritischeren Filmkultur.

Mehr dazu hier: https://theprint.in/feature/around-town/dalit-south-indian-cinema/2474426/#

 

 
 

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