DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

während sich Indien in rasantem Tempo wirtschaftlich und geopolitisch weiterentwickelt, und sich als Land in Aufwind präsentiert, bleibt die soziale Realität für viele marginalisierte Gruppen von tief verwurzelten Ungleichheiten geprägt. In diesem Newsletter werfen wir einen Blick auf aktuelle Entwicklungen, die zeigen, wie soziale Hierarchien, staatliche Repression und Widerstand ineinandergreifen.

Von einem Dalit-Bräutigam, der seine Hochzeitsprozession nur unter Polizeischutz durchführen konnte, bis hin zu umstrittenen Gesetzen, die religiöse Konversion kriminalisieren. Die folgenden Artikel beleuchten, wie tief verwurzelte Machtstrukturen weiterhin den Alltag vieler Menschen bestimmen. Doch sie erzählen auch von mutigem Widerstand, von jenen, die sich gegen Diskriminierung und staatliche Willkür zur Wehr setzen.

Viele Grüße aus Delhi,

Manuela Ott

Historische Verdrehung: Ambedkar und Hindutva

Vermehrt versuchen rechte hindunationalistische Kräfte, die Dalit-Ikone Ambedkar als einen ihrer Vordenker zu vereinnahmen. Dabei wird gezielt aus seinen Schriften zitiert, um ihn in ideologische Nähe von Savarkar (auf ihn geht der Begriff Hindutva zurück) und der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) zu rücken. Doch diese Strategie ignoriert, dass Ambedkar stets ein entschiedener Gegner der Hindutva-Ideologie war. Während Savarkar mit der Errichtung von Tempeln für Dalits vorgab, sich für deren Gleichstellung einzusetzen, erkannte Ambedkar darin eine weitere Form der Segregation. Ebenso war er ein vehementer Kritiker des Kastensystems und verbrannte 1927 öffentlich die Manusmriti, die wichtigste Textquelle des alten Indien, die das Kastenunterdrückung institutionalisiert und gleichzeitig für Hindutva-Ideologen wie Savarkar und Golwalkar als Grundlage der hinduistischen Gesellschaft galt.

Ambedkar erkannte früh die Gefahren eines religiösen Nationalismus und sprach sich sowohl gegen ein islamisches Pakistan als auch gegen Indien als eine „Hindu Rashtra“ aus. Seine Entscheidung, zum Buddhismus zu konvertieren, war ein radikaler Bruch mit dem Hinduismus, den er als unvereinbar mit Gleichheit und Gerechtigkeit betrachtete. Dass BJP und RSS heute versuchen, Ambedkar für sich zu beanspruchen, indem sie Statuen errichten und Museen zu seinem Gedenken finanzieren, während sie gleichzeitig seine politischen Ideale untergraben, ist laut Expert*innen eine beispiellose historische Verdrehung.

Mehr dazu hier: https://www.newsclick.in/does-babasahebs-ideology-match-hindu-nationalist-politics

Reichen Quoten an Schulen?

In Karnataka wird derzeit über die Einführung von Quoten für Schüler*innen aus benachteiligten Kasten und Minderheiten in Schulen diskutiert – ein längst überfälliger Schritt, um Bildungschancen gerechter zu machen. Bereits jetzt sieht das indische Recht auf Bildung (RTE-Act 2009) vor, dass Kinder aus diesen Gruppen Zugang zu öffentlichen und privaten Schulen erhalten. Doch in der Realität stoßen sie weiterhin auf systematische Diskriminierung durch Lehrkräfte und Mitschüler*innen, die sich in subtiler Ausgrenzung, Vorurteilen oder sogar offener Gewalt äußert.

Fast ein Viertel der Schüler*innen aus Adivasi Gesellschaften und ein Fünftel der Dalit-Schüler*innen brechen die Schule vor dem Abschluss ab. Oft fehlt es an institutioneller Unterstützung, sei es durch die aktive Einbeziehung von Eltern oder Maßnahmen, die kastenbasierte Vorurteile im Bildungssystem hinterfragen.

Die Einführung von Quoten allein wird Diskriminierung nicht beseitigen, doch sie kann dazu beitragen, dass Kinder aus marginalisierten Gruppen eine stärkere Präsenz in Schulen haben und sich in einem sichereren Umfeld bewegen. Historisch betrachtet gab es bereits erfolgreiche Maßnahmen dieser Art: Fürstenstaaten wie Mysore, Baroda und Kolhapur führten Bildungsquoten ein, um benachteiligten Bevölkerungsgruppen den Zugang zu Wissen zu ermöglichen, wie Anurag Bhaskar in seinem Buch The Foresighted Ambedkar zeigt.

Langfristig muss Bildungspolitik über Quoten hinausgehen. Die Einbindung von Schüler*innen in Entscheidungsprozesse, die Integration von Anti-Kasten-Bildung in Lehrplänen, Peer-Education-Programme, bei denen Gleichaltrige (Peers) Wissen und Fähigkeiten an andere in ihrer Alters- oder Interessengruppe weitergeben, und eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen und zivilgesellschaftlichen Organisationen könnten helfen, strukturelle Benachteiligungen abzubauen. Schulen sollten nicht nur ein Ort des Lernens sein, sondern auch ein Raum, in dem soziale Gerechtigkeit aktiv gefördert wird.

Mehr dazu hier: https://www.telegraphindia.com/opinion/a-case-for-quotas-in-school-access-to-education-for-dalits-sts-and-minorities-remains-challenge/cid/2076331

Zwischen Glaube und Repression: Der Fall Hari Shankar

Der Fall von Hari Shankar wirft ein Schlaglicht auf die wachsende Kriminalisierung religiöser Konversionen in Indien. Der Dalit-Bauarbeiter im Ruhestand wurde 2021 unter dem strengen „Anti-Bekehrungsgesetz“ von Uttar Pradesh verhaftet. Seine Anklage: Er habe arme Hindus mit Geld zum Christentum gelockt. Die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos, doch das Verfahren dauerte drei Jahre. Erst im September 2024 wurde Shankar von der Hauptanklage freigesprochen und dennoch teilweise verurteilt: Wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ erhielt er eine Bewährungsstrafe. Sein Fall zeigt, wie vage definierte Gesetze als Werkzeuge der Repression genutzt werden und insbesondere Dalits, religiöse Minderheiten und Aktivist*innen ins Visier geraten.

Das Gesetz, das ursprünglich Zwangsbekehrungen verhindern sollte, wurde in den letzten Jahren massiv verschärft. Die Unklarheit über das, was als rechtmäßige Konversion gilt, ermöglicht es Polizei und Bürgerwehren, beliebige Anschuldigungen zu erheben. Dass die Anzeige gegen Shankar von einem rechten Aktivisten aus der Dalit-Community selbst stammte, verdeutlicht zudem, wie politische Spaltungen innerhalb marginalisierter Gruppen genutzt werden. Auch wenn das Gericht Shankars Unschuld in den wesentlichen Punkten feststellte, hat das Verfahren sein Leben verändert: Seine Gebetstreffen wurden eingestellt, und er lebt nun in Angst vor weiteren Schikanen.

Mehr dazu hier: https://thewire.in/communalism/up-anti-conversion-law-dalit-labourer

Polizeischutz für einen Hochzeitsritt: Kastenspannungen in Rajasthan

Als der Dalit-Bräutigam Vijay Regar im Distrikt Ajmer (Rajasthan) auf einer Stute zur Hochzeit ritt, wurde er von rund 200 Polizist*innen begleitet. Der Grund: Die Familie der Braut befürchtete Widerstand von Angehörigen der oberen Kasten, die es in vielen Regionen Indiens bis heute nicht akzeptieren, dass Dalits symbolträchtige Rituale wie eine berittene Hochzeitsprozession durchführen. Trotz offizieller Gleichberechtigung bestehen tief verwurzelte Diskriminierungen fort, oft mit gewaltsamen Konsequenzen. Um Zwischenfälle zu verhindern, hatte sich die Familie von Aruna Khorwal im Vorfeld sowohl an Polizei als auch an Menschenrechtsaktivist*innen gewandt.

Dieser Fall ist kein Einzelfall: Immer wieder werden Dalit-Hochzeitsprozessionen angegriffen oder verboten, um kastenbasierte Hierarchien aufrechtzuerhalten. Während die Behörden betonen, dass die Dorfgemeinschaft kooperierte, verweist die Notwendigkeit solch eines Polizeieinsatzes auf die tiefen gesellschaftlichen Gräben. Der Vater der Braut brachte es auf den Punkt: „Wenn wir weiterhin Angst haben, wie soll es dann weitergehen?“ Seine Worte machen deutlich, dass Kastendiskriminierung nicht nur eine Frage der Vergangenheit ist, sondern für viele Dalit-Familien im Alltag weiterhin bittere Realität ist.

Mehr dazu hier: https://www.ndtv.com/india-news/with-200-cops-as-security-dalit-groom-rides-horse-to-brides-house-in-rajasthan-7535973#

 
 

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