DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

In diesem Newsletter werfen wir einen Blick auf die wachsende Kluft im Konsummarkt: Wer kann sich welche Güter leisten, und welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dynamiken stecken dahinter? Gleichzeitig beleuchten wir die sprachliche Vielfalt des Indiens, die von der Regierung in Delhi, zunehmend unter Druck gerät.

Außerdem empfehlen wir einen Blick in das Online Dalit and Adivasi Film Festival, das Perspektiven bietet, die in der Mainstream-Filmindustrie oft marginalisiert werden. Und wir widmen uns einem Thema, das viel über soziale Hierarchien verrät, aber selten Beachtung findet: der kulinarischen Tradition von Dalits. Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme - es erzählt Geschichten von Zugehörigkeit, Widerstand und Identität.

Viel Freude beim Lesen!

Manuela Ott und Jacob Desai

Indiens Konsummarkt im Wandel: Wer kann sich Konsum leisten?

Eine aktuelle Studie zeigt, dass von Indiens 1,4 Milliarden Einwohner*innen nur etwa 130–140 Millionen Menschen regelmäßig Geld für Konsumgüter und Dienstleistungen ausgeben – eine Größe, die in etwa der Bevölkerung Mexikos entspricht. Weitere 300 Millionen gelten als „aufstrebende“ Konsument*innen, doch ihre Kaufkraft bleibt begrenzt. Während der wohlhabende Teil der Bevölkerung zunehmend in hochwertige Produkte investiert, hat sich die wirtschaftliche Lage vieler Menschen verschlechtert: Die Einkommen der Mittelschicht stagnieren und die Ersparnisse befinden sich auf einem historischen Tiefstand.

Diese Entwicklungen beeinflussen die Ausrichtung des indischen Marktes. Unternehmen konzentrieren sich nun verstärkt auf „Premiumisierung“, also den Verkauf hochwertiger Produkte an zahlungskräftige Kund*innen, während günstige Angebote an Bedeutung verlieren. Dies zeigt sich beispielsweise im Rückgang erschwinglichen Wohnraums, der mittlerweile nur noch 18 Prozent des Marktes ausmacht. Gleichzeitig wirkt sich eine verstärkte Automatisierung zunehmend auf den Arbeitsmarkt aus, insbesondere im städtischen Dienstleistungssektor. Kurzfristig konnten zwar Faktoren wie eine gute Ernte und Steuererleichterungen den Konsum leicht stabilisieren, doch langfristig bleibt abzuwarten, wie sich die wirtschaftliche Schieflage entwickelt.

Mehr dazu hier: https://www.bbc.com/news/articles/c8rk5d7ekjmo

Mehrsprachlichkeit versus Hindi?

Die Debatte über Indiens Drei-Sprachen-Format (TLF) kehrt zurück – ironischerweise in einer Zeit, in der das Land zunehmend auf eine inoffizielle Ein-Sprachen-Politik zusteuert. Während Bildungsexpert*innen die kognitiven und sozialen Vorteile von Mehrsprachigkeit betonen, zeigt sich in der Praxis ein gegenteiliger Trend: Englisch wird zur dominanten Bildungs- und Verwaltungssprache, während regionale Sprachen an Bedeutung verlieren. Ursprünglich eingeführt, um die sprachliche Vielfalt Indiens zu erhalten, sah das 1968 verabschiedete TLF vor, dass Schüler*innen in Hindi-sprachigen Bundesstaaten Hindi, Englisch und eine moderne indische Sprache, bevorzugt aus dem Süden, lernen sollten. In nicht-Hindi-sprachigen Bundesstaaten sollten hingegen die regionale Sprache, Englisch und Hindi unterrichtet werden. Doch statt einer ausgewogenen Mehrsprachigkeit hat sich ein Ungleichgewicht etabliert: Während nicht-Hindi-sprachige Regionen Hindi lernen sollen, wird in den Hindi-sprachigen Staaten kaum eine südindische Sprache gelehrt.

Besonders Tamil Nadu lehnt das TLF traditionell ab und setzt auf ein Zwei-Sprachen-Modell mit Tamil und Englisch. Die Bundesregierung unter Narendra Modi hat jedoch jüngst bewusst Fördermittel für den Bildungsbereich zurückgehalten, um die Umsetzung der Nationalen Bildungspolitik (NEP) durchzusetzen, die das TLF befürwortet. Tamil Nadus Ministerpräsident M. K. Stalin sieht darin einen Versuch, Hindi aufzuzwingen, während die Zentralregierung darauf besteht, dass das TLF keine bestimmte Sprache priorisiert. Tatsächlich wurde das ursprüngliche Konzept im NEP 2020 überarbeitet: Nun sollen zwei der drei Sprachen „indische Muttersprachen“ sein, darunter auch klassische Sprachen wie Sanskrit oder Tamil. Dies könnte Tamil Nadu neue Spielräume eröffnen – etwa durch eine Kombination aus Tamil, klassischem Tamil und Englisch. Gleichzeitig bleibt das eigentliche Problem bestehen: Die Verweigerung der Hindi-sprachigen Bundesstaaten, ihrerseits eine südindische Sprache in den Lehrplan aufzunehmen. Eine gerechtere Umsetzung des TLF müsste daher nicht Tamil Nadu zur Anpassung drängen, sondern sicherstellen, dass auch der Norden Indiens echte Mehrsprachigkeit fördert.

Mehr dazu hier: https://www.pressreader.com/india/the-indian-express/20250225/282033332934860

Empfehlung: Das Online Dalit and Adivasi Film Festival

Das jüngst gestartete Dalit and Adivasi Film Festival (DAFF) 2025 bietet eine Plattform für Filmemacher*innen aus Dalit- und Adivasi-Gemeinschaften, deren Geschichten in der indischen Filmindustrie oft keinen Eingang finden. Organisiert von Neeraj Bunkar, einem PhD-Studenten an der Nottingham Trent University, zeigt das Festival eine kuratierte Auswahl von zwölf Filmen, darunter Dokumentationen, Kurzfilme und Doku-Fiktion. Dabei geht es nicht nur um die Sichtbarmachung alternativer Perspektiven, sondern auch um den kritischen Dialog: Nach jeder Vorführung haben Zuschauer*innen die Möglichkeit, mit den Filmemacher*innen über die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Werke zu diskutieren.

Alle Filmvorführungen und Diskussionen sind online bis einschließlich 8. April 2025 zugänglich.

Alle Links und weiteren Infos hier: https://boningtongallery.co.uk/event/dalit-and-adivasi-film-festival/

Über die kulinarische Vielfalt der Dalit-Cuisine

Das Buch Dalit Kitchens of Marathwada von Shahu Patole rückt eine oft übersehene kulinarische Tradition ins Zentrum: die Küche der Mahar- und Mang-Gemeinschaften. Während in Indien Kochwettbewerbe und kulinarische Shows florieren, bleiben die Gerichte der Dalit-Communities weitgehend unsichtbar. Ein Umstand, den Patole mit seinem Werk herausfordert. Er beschreibt, wie das Kastensystem nicht nur den Zugang zu Ressourcen bestimmt, sondern auch, wessen Essen als „rein“ gilt und wessen nicht. Jedes Rezept in seinem Buch stammt aus seiner eigenen Familie und ist ein Zeugnis generationsübergreifenden Wissens. Besonders prägend sind einfache, nahrhafte Speisen wie Roti (indisches Fladenbrot) und Gemüse, aber auch Fleischgerichte, die mit der speziellen Gewürzmischung Yesur zubereitet werden.

Die Übersetzung ins Englische durch Bhushan Korgaonkar war dabei nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine kulturelle Herausforderung: Viele Begriffe und Traditionen ließen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Doch durch enge Zusammenarbeit und Besuche in Patoles Heimat gelang es, die Nuancen dieser Kochtradition festzuhalten. Das Buch ist mehr als eine Rezeptsammlung – es ist ein Manifest gegen die Marginalisierung von Dalit-Kulturen und ein Versuch, das kulinarische Erbe dieser Gemeinschaften für zukünftige Generationen zu bewahren.

Mehr dazu hier: https://theprint.in/india/our-meals-remain-in-the-shadows-says-writer-shahu-patole-author-of-dalit-kitchens-of-marathwada/2486415/

 
 

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