DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

Kastenbasierte Gewalt ist kein Randthema, sondern eine systematische und strukturelle Realität, die sich für Betroffene in allen Lebensbereichen zeigt.

In den letzten Jahren hat Indien eine besorgniserregende Zunahme von Hassreden und kommunaler Gewalt erlebt. Laut eines Berichts des India Hate Lab stieg die Anzahl dokumentierter Fälle von Hassreden gegen Minderheiten 2024 um 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dabei dienten politische Kundgebungen und religiöse Prozessionen als Hauptplattformen. Gleichzeitig verzeichnete das Centre for Study of Society and Secularism (CSSS) einen Anstieg der kommunalen Unruhen um 84 Prozent, wobei religiöse Feste oft Auslöser waren. Ein besonders erschreckendes Phänomen ist der Vorwurf des sogenannten „Beef Lynching“, bei dem Personen, meist Muslim*innen und Dalits, aufgrund von Gerüchten über den Verzehr von oder Handel mit Rindfleisch Opfer von Lynchjustiz werden.

Doch Gewalt beginnt schon in der Schule, wo Dalit-Kinder ausgegrenzt und misshandelt werden. Sie trifft Dalit-Frauen besonders hart, die neben kastenbasierter auch geschlechtsspezifische Gewalt erfahren – von sexualisierter Gewalt bis hin zu schlechterem Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung. Gewalt variiert regional: Während in einigen Teilen Indiens brutale Übergriffe öffentlich geschehen, manifestiert sich Diskriminierung anderswo durch subtilere Formen der Marginalisierung. Und sie endet nicht mit der Konversion zu anderen Religionen. Auch Dalits, die zum Christentum konvertieren, bleiben in ihren Kirchen Bürger*innen zweiter Klasse.

Gewalt gegen Dalits in ihren verschiedenen Facetten ist deshalb das Thema dieses Newsletters.

Mit besten Grüßen,

Jacob Desai und Manuela Ott

Gewalt gegen Dalits: Was die Zahlen verraten

Die jüngsten Daten des National Crime Records Bureau (NCRB) zeigen erhebliche regionale Unterschiede bei der Gewalt gegen Dalits in Indien. Während in Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Rajasthan und Bihar besonders viele Fälle gemeldet werden, sind die Zahlen in Gujarat, Tamil Nadu und Kerala deutlich niedriger. Diese Unterschiede erfordern eine gründliche Analyse der politischen, historischen und sozialen Strukturen. In Uttar Pradesh und Rajasthan tief verwurzelte kastenbasierte Feudalsysteme weiterhin prägend. Landbesitzer*innen aus oberen Kasten kontrollieren Ressourcen und Dalits leben oft in wirtschaftlicher Abhängigkeit; Gewalt dient als Mittel der Machterhaltung. In Tamil Nadu hingegen haben starke Anti-Kasten-Bewegungen über Jahrzehnte Einfluss genommen, was zu einem stärkeren politischen Bewusstsein und damit zu geringerer direkter Gewalt führte, auch wenn Diskriminierung weiterbesteht.

Unterschiede in Strafverfolgung und Berichterstattung spielen ebenfalls eine Rolle. In Bundesstaaten mit aktiven Dalit-Bewegungen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Verbrechen angezeigt werden, während in Regionen mit repressiven Strukturen viele Fälle unsichtbar bleiben. Zudem beeinflussen wirtschaftliche Faktoren das Gewaltgeschehen: In Staaten mit besseren Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten sind Dalits weniger vulnerabel, während sie dort, wo sie von kastenbasierten Arbeitsverhältnissen abhängen, stärkerer Gewalt ausgesetzt sind. Niedrigere Fallzahlen bedeuten also nicht zwangsläufig weniger Diskriminierung – sie können vielmehr auf subtilere Formen der Marginalisierung hindeuten. Die Herausforderung bleibt, strukturelle Ungleichheiten zu bekämpfen und Dalits in allen Bundesstaaten ein Leben in Sicherheit und Würde zu ermöglichen.

Mehr dazu hier: https://www.indiancurrents.org/article-the-stark-divide-analysing-regional-disparities-in-atrocities-against-dalits-in-india-dr-john-singarayar-2252.php

Dalit-Frauen: Reproduktive Rechte und sexualisierte Gewalt

Reproduktive Rechte sind Menschenrechte – dennoch bleiben sie vielen Dalit- und Adivasi-Frauen in Indien verwehrt. Die Kombination aus kapitalistischer Ausbeutung und kastenbasierter Diskriminierung führt dazu, dass marginalisierte Frauen kaum Zugang zu sicheren Abtreibungen oder Gesundheitsversorgung haben. Während öffentliche Kliniken für sie oft unzugänglich sind, befinden sie sich gleichzeitig in prekären Arbeitsverhältnissen, die es ihnen erschweren, über ihre eigenen Körper zu bestimmen.

Die Mehrfachunterdrückung spiegelt sich neben Fragen der reproduktiven Gerechtigkeit auch in der geschlechtsspezifischen Gewalt wider, die Dalit-Frauen unverhältnismäßig oft trifft. Laut dem National Crime Records Bureau (NCRB) werden täglich sechs Dalit-Frauen vergewaltigt. Doch während Gewalt gegen Frauen aus dominanten Kasten häufig öffentliche Empörung und juristische Konsequenzen nach sich zieht, werden Fälle von Dalit-Frauen ignoriert. Diese institutionelle Gewalt wird durch soziale und ökonomische Abhängigkeiten verstärkt: Dalit-Frauen arbeiten häufig in informellen, unsicheren Jobs und sind dadurch besonders verletzlich gegenüber sexueller Ausbeutung. Feministische Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit und gegen sexualisierte Gewalt müssen über individuelle Rechte hinausgehen und die strukturellen Ursachen von sozialer Prekarität bis hin zu patriarchalen und kastenbasierten Machtverhältnissen mitdenken.

Mehr zu reproduktiven Rechten und Dalits hier: https://feminisminindia.com/2025/02/11/capitalism-remains-against-the-reproductive-rights-of-dalit-and-adivasi-communities/#google_vignette

Mehr zu sexualisierter Gewalt gegenüber Dalit-Frauen hier: https://www.indiancurrents.org/article-indias-dalit-women-silent-battles-against-sexual-and-caste-abuse-dr-john-singarayar-2242.php

Kastendiskriminierung in katholischer Kirche: Ein ungelöstes Erbe

In Indien machen Dalit-Katholik*innen fast zwei Drittel der katholischen Gemeinschaft aus – dennoch sind sie in ihren eigenen Kirchen systematischer Ausgrenzung ausgesetzt. Obwohl viele Dalits zum Christentum konvertierten, um dem Kastensystem zu entkommen, blieb die Diskriminierung oft bestehen: Die kirchliche Leitung liegt fest in den Händen der dominanten Kasten, und Dalit-Katholik*innen sind oft gezwungen, bei religiösen Zeremonien in der letzten Reihe zu stehen – wenn sie überhaupt teilnehmen dürfen. Besonders auffällig ist der Mangel an Dalit-Bischöfen: Von den fast 200 Bischöfen in Indien gehören nur etwa ein Dutzend der Dalit-Gemeinschaft an.

Diese Diskriminierung ist nicht nur ein religiöses, sondern auch ein politisches Problem. Dalit-Christ*innen und Muslim*innen sind von den staatlichen Affirmative-Action-Programmen ausgeschlossen; die sind ausschließlich hinduistischen, buddhistischen und sikhistischen Dalits vorbehalten. Trotz eines langjährigen Rechtsstreits und der Empfehlung einer Regierungskommission, den Kastenzustand von der Religion zu trennen, bleibt der Status quo bestehen. Der Vatikan hält sich in dieser Frage bislang bedeckt – trotz wiederholter Appelle von Dalit-Aktivist*innen, die eine klare Position der Kirche fordern. Während einige progressive Geistliche die Anliegen der Dalits unterstützen, bleibt der institutionelle Wandel aus.

Mehr dazu hier: https://maktoobmedia.com/india/dalit-catholics-fight-for-equality-within-church/#google_vignette

Dalit-Schüler verprügelt, weil er Wasser trank

In Rajasthan erregt ein erneuter Fall von kastenbedingter Gewalt die Öffentlichkeit. Ein Dalit-Schüler der 10. Klasse wurde im Bezirk Baran verprügelt, weil er Wasser trinken wollte. Der Sportlehrer griff den 15-jährigen Sunil Meena an und trat auf ihn ein. Sunil erlitt schwere Verletzungen und wird derzeit im Krankenhaus behandelt.

Obwohl die Familie des Opfers umgehend Anzeige erstattete, gibt es bislang keine Konsequenzen für den Täter, weder seitens der Polizei noch des Bildungsministeriums. Dies wirft erneut ein Schlaglicht auf die tief verankerte Diskriminierung, mit der Dalit-Gemeinschaften in Indien konfrontiert sind. Fälle wie dieser sind keine Einzelfälle, sondern Teil eines strukturellen Problems, das trotz gesetzlicher Schutzmaßnahmen fortbesteht. Die Familie des Jungen fordert Gerechtigkeit – doch ob sie diese erhalten wird, bleibt angesichts der anhaltenden Straflosigkeit bei kastenbasierter Gewalt fraglich.

Mehr dazu hier: https://sarimwatch.org/21072/

 
 

Wenn Sie unseren Newsletter in Zukunft nicht mehr erhalten möchten, klicken Sie bitte hier