DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

Frohe Ostern allen die feiern!

Im April jährt sich der Geburtstag von Dr. B.R. Ambedkar – Vordenker und Dalit-Aktivist. Für viele Dalits in Indien und weltweit ist dieser Monat nicht nur Anlass zum Gedenken, sondern ein politischer Moment: der Dalit History Month, eine Zeit, in der Geschichten von Widerstand, Würde und Visionen sozialer Gerechtigkeit ins Zentrum rücken.

Unser Newsletter spürt diesmal dem aktuellen Kampf der Dalit-Bewegung nach – zwischen Ambedkarismus und der Realität indischer Wahlpolitik. Wir beleuchten das Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Vereinnahmung, Basisbewegung und Parteistrategie, Idealen und politischen Kompromissen. Ein Blick auf den Tempelboykott als radikales Vermächtnis Ambedkars zeigt, wie tief seine Kritik an Religion, Macht und sozialer Ausgrenzung ging – und wie aktuell sie bleibt.

Gleichzeitig schlagen wir eine Brücke in andere Kontexte: Während in den USA der Februar als Black History Month etabliert ist, bleibt die Anerkennung von Dalit-Geschichte in Indien marginalisiert. Doch es gibt Verbindungen, etwa zwischen Ambedkar und Du Bois, die zeigen: Kämpfe gegen soziale Hierarchie, Rassismus und Kastendiskriminierung sind global vernetzt.

Und schließlich thematisieren wir den Balanceakt zwischen Meinungsfreiheit und Schutz vor Diskriminierung anhand eines aktuellen Gerichtsfalls aus Karnataka, ein Beispiel dafür, wie stark politische Satire, Ambedkar-Symbole und rechtliche Schutzmechanismen heute verhandelt werden.

Ambedkars Erbe lebt – in den Bewegungen der Gegenwart, in Allianzen über Grenzen hinweg, und in der Hoffnung auf eine gerechtere Welt.

Solidarische Grüße,
Jacob Desai und Manuela Ott

Zwischen Ambedkarismus und Wahlpolitik – Die Zukunft der Dalit-Bewegung in Indien

Die Dalit-Politik war tief verwurzelt im Denken Dr. B.R. Ambedkars, der mit seiner Vision von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit das Fundament für eine politische Praxis gelegt hat, die weit über identitätspolitische Repräsentation hinausgeht. Mit Verfassungsinstrumenten wie den Quotenregelungen sowie starken Bewegungen an der Basis, von den Dalit Panthers bis hin zur Bhim Army, hat sich eine kämpferische Dalit-Mittelschicht und eine selbstbewusste Dalit-Kultur etabliert. Doch trotz dieser Errungenschaften sieht sich die Bewegung mit internen Fragmentierungen, wirtschaftlicher Marginalisierung und zunehmenden Vereinnahmungsversuchen durch etablierte Parteien konfrontiert. Die Instrumentalisierung Ambedkars durch regierende Kräfte bei gleichzeitiger Aushöhlung von Schutzmechanismen wie dem SC/ST (Prevention of Atrocities) Act führt zu einem gefährlichen Spannungsverhältnis zwischen Anerkennung und Entmachtung.

Für die Zukunft der Dalit-Politik wird entscheidend sein, ob sie es schafft, sich stärker intersektional aufzustellen; etwa durch Allianzen mit Bäuer*innen-, Arbeiter*innen- oder feministischen Bewegungen und ökonomische Gerechtigkeit als zentrales politisches Ziel zu formulieren. Dabei steht sie vor einem Dilemma: Der Spagat zwischen ideologischer „Reinheit“ und pragmatischen Allianzen, kann entweder neue Machtoptionen eröffnen oder die eigene Basis entfremden. Gleichzeitig zeigt die internationale Dalit-Diaspora, dass Ambedkars Ideen auch global an Zugkraft gewinnen, etwa in Kampagnen gegen Kastendiskriminierung in den USA und Großbritannien. Die Dalit-Politik bleibt also ein Seismograph für den Zustand der indischen Demokratie – und ihr Erfolg könnte mitentscheiden, ob die indische Republik den Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit oder zur Kastenverfestigung einschlägt.

Mehr dazu hier: https://countercurrents.org/2025/03/what-is-the-strength-and-weakness-of-dalit-politics-and-its-future/

Der Tempelboykott als Ambedkars Vermächtnis an Dalits

Für viele Dalits war der Kampf um Zugang zu hinduistischen Tempeln ein zentrales Symbol des Widerstands gegen das Kastensystem – und ein Test, ob die hinduistische Mehrheitsgesellschaft bereit ist, sie als Menschen zu akzeptieren. BR Ambedkar unterstützte daher Anfang der 1920er Jahre Tempelzugangsbewegungen und machte zugleich deutlich: Götzenanbetung allein werde die sozioökonomischen Missstände der Dalits nicht lösen. „Wenn die Medizin nicht wirkt – sollten wir dann nicht den Arzt wechseln?“, fragte er damals provokativ.

Ambedkar wusste, dass die strukturelle Gewalt nicht nur im gesellschaftlichen Verhalten liege, sondern im religiösen Fundament des brahmanischen Hinduismus selbst. Trotz der formalen Abschaffung der „Unberührbarkeit“ im Zuge der britischen Kolonialreformen und der späteren Verfassung, bleiben viele Tempel bis heute faktisch brahmanisch dominiert; Dalits werden weiterhin marginalisiert oder ausgeschlossen. Während einige Bewegungen eigene Tempel errichteten oder den Hinduismus verließen, blieb die Reaktion der Kastenhindus – und auch des indischen Staates – meist von Ignoranz oder Gewalt geprägt.

Ambedkar selbst konvertierte später zum Buddhismus und kämpfte weiter gegen die Ungleichheit. Sein Ziel waren Rechte und politische Autonomie für Dalits, gesichert durch ein eigenes Wahlrecht für Dalits. Gandhis Widerstand dagegen, manifestiert im berüchtigten Hungerstreik von 1932 und dem Poona Pakt, zwang Ambedkar zum Kompromiss.

Mehr dazu hier: https://www.thenewsminute.com/news/opinion-why-dalits-should-boycott-hindu-temples

Widerstand, Würde, Geschichte: Schwarze und Dalits im Kampf

Während in den USA der Februar als Black History Month gefeiert wird, um den jahrhundertelangen Kampf der Schwarzen gegen Rassismus, Sklaverei und Ausgrenzung zu würdigen, ist der April in Indien dem Dalit History Month gewidmet. Auch wenn beide Kontexte unterschiedlich sind, verbindet Schwarze und Dalits ein transnationales Band des Widerstands. Es ist ein Band des Mutes, der Resilienz und der tiefen Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Die Geschichte des Black History Month reicht bis ins Jahr 1926 zurück, heute erkennt sogar die US-Politik diesen Monat offiziell an. In Indien hingegen bleibt die Anerkennung des historischen Unrechts gegenüber Dalits bis heute marginal – nicht selten verweigern selbst progressive Gruppen eine offene Solidarität.

Die Brieffreundschaft zwischen W.E.B. Du Bois und Dr. B.R. Ambedkar, zwei Vordenker, die sich gegen weiße Vorherrschaft und das Kastensystem stellten, steht sinnbildlich für diese globale Verbindung. Doch während sich in den USA auch weiße Verbündete aktiv in den antirassistischen Kampf einbringen, bleibt in Indien eine breite gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Kastenfrage weitgehend aus. Die meisten Angehörigen privilegierter Kasten schweigen, ob bei Gewaltakten wie in Hathras oder Khairlanji oder beim allgemeinen Ausschluss von Dalit-Frauen aus feministischen Debatten. Das Gedenken an Kämpfer*innen wie Rosa Parks oder Mukta Bai Salve ist nicht nur Erinnerung, sondern ein Aufruf zur Handlung: zur Dekolonisierung des Denkens, zur radikalen Solidarität und zur Anerkennung aller Kämpfe für Menschenwürde, jenseits von Hautfarbe, Geschlecht oder Kaste. Es ist höchste Zeit, dass auch Indien offiziell den April als Dalit History Month anerkennt. Nicht als Geste, sondern als Schritt hin zu echter Gleichheit.

Mehr dazu hier: https://en.themooknayak.com/discussion-interview/celebration-of-black-history-month-and-dalit-history-month-a-fight-of-courage-a-fight-for-justice

Satire oder Straftat? Gericht in Karnataka schützt Studierende – und die Meinungsfreiheit

In einem aufsehenerregenden Urteil hat der Oberste Gerichtshof von Karnataka ein Strafverfahren gegen sieben Student*innen und zwei Dozent*innen der Jain University in Bengaluru eingestellt. Der Vorwurf: ein satirischer Theater-Sketch zum Thema Reservierung, aufgeführt auf einem Hochschulfestival, habe Dalits herabgewürdigt und Ambedkar beleidigt. Das Video des Sketches ging viral und löste Empörung aus. Das Gericht entschied nun, dass es sich um eine durch Artikel 19 der indischen Verfassung geschützte Form der Satire handelte und nicht um eine gezielte Demütigung von Dalits.

Brisant ist, dass die Anzeige nach dem SC/ST (Prevention of Atrocities) Act nicht von einem Dalit selbst gestellt wurde, sondern von einem Regierungsbeamten. Zudem sah das Gericht keine Beweise für eine vorsätzliche Beleidigung oder Einschüchterung. Richter Krishna Kumar warnte sogar vor einem Missbrauch des Rechtssystems, sollte das Verfahren fortgesetzt werden. Damit verweist das Urteil nicht nur auf die Bedeutung von Kontext und Absicht in Fragen politischer Satire, sondern auch auf die prekäre Balance zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz marginalisierter Gruppen. Ein hochaktuelles Thema in Indiens politischer Landschaft.

Mehr dazu hier: https://www.hindustantimes.com/cities/bengaluru-news/satire-protected-under-article-19-karnataka-hc-quashes-case-against-students-over-skit-on-dalits-101741058474029.html

 
 

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