Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,
in dieser Ausgabe richten wir den Blick auf die engen Verflechtungen zwischen Macht, Religion und globaler Ökonomie.
Ein neuer Bericht des Polis Projects zeigt, wie Unternehmen und Diaspora-Netzwerke gezielt den hindu-nationalistischen Kurs der BJP stärken und damit nicht nur politische Alternativen schwächen, sondern demokratische Institutionen systematisch untergraben. Gleichzeitig kämpfen Dalit- und Adivasi-Frauen*, porträtiert, in der eindrucksvollen Fotoausstellung Unequal Heat, gegen die Auswirkungen der Klimakrise, nicht als Opfer, sondern als widerständige Akteur*innen an vorderster Front gegen Ungleichheit. Auch innerhalb religiöser Institutionen wird die Frage nach Gleichstellung drängend: In Tamil Nadu fordern Dalit-Christ*innen rechtliche Anerkennung ihrer Diskriminierung durch die katholische Kirche. Und schließlich erinnern wir mit einem Podcast-Tipp an Gandhis Salzmarsch, ein Beispiel zivilen Widerstands, das bis heute politische Strategien prägt, aber auch kritisch hinterfragt werden muss.
Wir wünschen eine anregende Lektüre,
Jacob Desai und Manuela Ott
Hindu-Nationalismus: Ein globaler Finanzblick auf Hindutva
Ein neuer Bericht des Polis Projects legt offen, wie eng die Verflechtungen zwischen wirtschaftlicher Macht und hindu-nationalistischer Politik in Indien sind, und wie diese Allianz von transnationalen Geldspenden und Konzernen systematisch gestützt wird. Die Studie dokumentiert, wie Premierminister Modi mithilfe wirtschaftlicher Eliten wie Adani und Ambani sein Image als wirtschaftsfreundlicher Modernisierer polierte, während er gleichzeitig ein autoritäres Hindutva-Regime ausbaute. Mit dem 2017 eingeführten, mittlerweile für verfassungswidrig erklärten System der Wahlanleihen, sogenannten Electoral Bonds sicherte sich Modis BJP die überwiegende Mehrheit aller Unternehmensspenden - viele davon seien ironischerweise von Firmen gekommen, die zuvor selbst Ziel staatlicher Ermittlungen gewesen seien. Die Gleichzeitigkeit von Repression und Belohnung lasse auf gezielte politische Erpressung schließen, ein System, das demokratische Institutionen zersetze und alternative politische Kräfte systematisch benachteilige.
Zentral sei zudem die Rolle der globalen Hindutva-Diaspora: Wohltätigkeitsorganisationen und Netzwerke wie die Hindu Swayamsevak Sangh (HSS) in den USA, Großbritannien oder Australien sammelten jährlich Millionenbeträge unter dem Deckmantel von Bildung, Kulturarbeit oder Katastrophenhilfe. Diese Gelder fließen laut Bericht nicht nur in paramilitärische Schulungen und ideologische Mobilisierung, sondern auch in antimuslimische Hetze und Landenteignung indigener Adivasi-Gemeinschaften. Das transnationale Hindutva-Ökosystem funktioniere als ideologische wie finanzielle Lebensader der BJP, während es zugleich das politische Engagement von Diaspora-Hindus strategisch an RSS und BJP binde. Der Bericht fordert internationale Rechenschaftspflicht für Firmen und Spender*innen, die autoritäre Strukturen stärken - und wirft damit die grundsätzliche Frage auf, inwiefern ökonomische Macht global zur Aushöhlung von Demokratie beiträgt.
Mehr dazu hier: https://sabrangindia.in/the-global-financing-of-hindu-supremacism-how-corporations-and-diaspora-networks-fuel-hindutvas-rise/
Fotoausstellung „Unequal Heat“: Klimakämpfe und Ausgrenzung
Mit ihrer eindrucksvollen Ausstellung Unequal Heat macht die Fotografin Bhumika Saraswati sichtbar, was in vielen Diskursen über den Klimawandel untergeht: die Widerständigkeit und Handlungsmacht von Dalit- und Adivasi-Frauen*, die nicht nur unter den Folgen der Klimakrise leiden, sondern aktiv gegen ihre Ursachen kämpfen. Saraswati dokumentiert die Kämpfe dieser marginalisierten Gemeinschaften in Chhattisgarh und Uttar Pradesh aus einer zutiefst persönlichen Perspektive. Für sie ist klar, dass Klimagerechtigkeit nicht ohne eine Konfrontation mit Kastenhierarchien, Patriarchat und systemischer Marginalisierung gedacht werden kann.
Ihre Fotodokumentation stellt die Protagonist*innen nicht als passive Opfer dar, sondern als aktive Problemlöser*innen. Es gehe ihr um die Anerkennung jener, die trotz gefährlicher Bedingungen, etwa in Gebieten mit illegalem Bergbau, für den Schutz ihrer Umwelt eintreten. Saraswati will Zeugin sein, um das Vergessen zu verhindern. Denn „wenn ich das nicht festhalte, wer dann?“, fragt sie. Ihre kommenden Projekte verdeutlichen, wie vielschichtig diese Kämpfe sind: Sie untersucht etwa die gesundheitlichen Folgen der Plastikproduktion für marginalisierte Gruppen sowie Formen „erzwungener Inklusion“, durch die diese Menschen in ökonomische Systeme eingegliedert werden, die ihre Ausgrenzung noch verstärken. Für Saraswati ist klar, wer den Klimawandel verstehen will, muss seine Verflechtungen mit Kastenwesen, Patriarchat und kolonialen Machtverhältnissen ernst nehmen, und die Stimmen derer hören, die an vorderster Front für eine gerechtere Zukunft streiten.
Mehr dazu hier: https://www.msn.com/en-in/news/other/photographer-bhumika-saraswati-s-unequal-heat-shines-a-light-on-dalit-and-adivasi-women-fighting-climate-injustice/ar-AA1AuX0k#:~:text=Award%2Dwinning%20photographer%20Bhumika,is%20part%20of%20the%20ongoing
Reingehört: Zeitzeichen-Podcast zum Salzmarsch von Gandhi und der Kritik daran
Hörtipp für politisch Interessierte, in der Zeitzeichen-Folge vom 12. März beleuchtet Almut Finck den legendären Salzmarsch von Mahatma Gandhi, einen 380 Kilometer langen Protest gegen das britische Salzmonopol, der 1930 zum Symbol des gewaltfreien Widerstands wurde. Der Podcast zeigt, wie Gandhi zivilen Ungehorsam ins Zentrum der Unabhängigkeitsbewegung rückte, was es mit dem Titel „Mahatma“ auf sich hat aber auch welche Kritik es heute an seinem Ansatz und seiner Person gibt. Mit präzisem historischen Kontext und kritischen Zwischentönen eine kompakte Einführung in eine zentrale Episode der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Hier könnt ihr reinhören: https://podcasts.apple.com/de/podcast/salzk%C3%B6rner-die-ein-weltreich-ersch%C3%BCttern-gandhis-salzmarsch/id206817194?i=1000698808435
Kastendiskriminierung in der katholischen Kirche
In Indien sorgt eine Klage von Dalit-Christ*innen aus Kottapalayam im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu für Aufsehen. Sie werfen der römisch-katholischen Kirchenverwaltung in ihrer Gemeinde systematische Diskriminierung aufgrund ihrer Kaste vor. So seien sie von jährlichen kirchlichen Festen ausgeschlossen und dürften ihre Verstorbenen nicht gemeinsam mit Christ*innen anderer Kasten in der Kirche bestatten. Auch die Begräbnisstätten seien streng getrennt. Diese Praktiken, so argumentieren die Kläger*innen, verletzen zentrale Grundrechte der indischen Verfassung, darunter das Verbot der Unberührbarkeit sowie das Recht auf Gleichheit, Würde und Religionsfreiheit.
Der Oberste Gerichtshof Indiens hat sich nun bereit erklärt, den Fall zu prüfen und sowohl die Regierung von Tamil Nadu als auch die Kirchenverantwortlichen zu einer Stellungnahme bis Mitte April aufgefordert. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein lang bekanntes, aber häufig verdrängtes Problem: Auch innerhalb christlicher Gemeinschaften, in denen formell die Gleichheit aller Gläubigen gilt, reproduzieren sich kastenspezifische Machtverhältnisse. Ein katholischer Priester, der sich für die Gleichstellung einsetzte, wurde jüngst von Hindus und Christ*innen dominanter Kaste aus der Stadt gemobbt. Die Kläger*innen sehen in ihrer Situation keinen bloßen innerkirchlichen Konflikt, sondern eine verfassungsrechtliche Herausforderung. Ein demokratischer Staat müsse gewährleisten, dass Grundrechte auch gegenüber religiösen Institutionen durchgesetzt werden können.
Mehr dazu hier: https://www.thenewsminute.com/tamil-nadu/sc-to-examine-plea-against-caste-discrimination-in-trichys-catholic-church
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