Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,
inmitten der lauten Schlagzeilen über die Eskalationen zwischen Indien und Pakistan und der Waffenruhe, möchten wir in dieser Ausgabe den Blick bewusst auf die Lebensrealitäten der Menschen richten, die oft übersehen werden, aber direkt betroffen sind. Unser erster Beitrag führt uns daher an die sogenannte Line of Control zwischen Indien und Pakistan, wo Dorfgemeinschaften in Kashmir erneut zwischen Frontlinien geraten, während Regierungen mit Kriegsrhetorik spielen. Der Bericht entstand kurz vor der Waffenruhe am 10. Mai, doch die Stimmen der Menschen dort bleiben aktuell. Sie wollen nicht kämpfen, sie sehnen sich nach Frieden.
Daneben beleuchten wir zwei Entwicklungen, die zentrale Fragen sozialer Gerechtigkeit berühren: die Reform des indischen Waqf-Gesetzes, die von vielen Muslim*innen als Angriff auf ihre religiöse Selbstverwaltung kritisiert wird. Zum anderen berichten wir über den Fall eines Dalit-Mannes, dem nach einem brutalen, kastistisch motivierten Angriff eine Entschädigung zugesprochen wurde. Beide Geschichten beleuchten, wie der Staat mit marginalisierten Gruppen umgeht und welche Kämpfe jenseits der großen politischen Bühne ausgetragen werden.
Zum Schluss noch ein Filmtipp: Auf YouTube ist derzeit ein sehenswerter Spielfilm über das Leben von Dr. B. R. Ambedkar verfügbar – ein eindrucksvolles Porträt eines Mannes, dessen Ideen und Engagement aktueller denn je sind.
Mit redaktionellen Grüßen,
Jacob Desai und Manuela Ott
Kashmir: Leben an der Frontlinie
[Dieser Artikel stammt vom 05. Mai, bevor der Konflikt zwischen Indien und Pakistan eskaliert ist. Obwohl seit dem 10.05.2025 Waffenruhe herrscht, scheint die Situation besonders in Kashmir immer noch fragil zu sein]
Entlang der sogenannten Line of Control, der Kontrollgrenze, haben sich die Bewohner*innen auf einen Krieg vorbereitet, den sie nicht wollen. Im nordindischen Grenzgebiet rund um Uri, eingebettet zwischen den mächtigen Gebirgsketten des Himalaya, herrscht eine gespenstische Stille. Bewohner*innen fegen Bunker aus, legen Vorräte an, stopfen Baumwollbällchen für ihre Kinder gegen die Detonationen. Überlebensstrategien, die tief in die kollektiven Traumata früherer Konflikte eingeschrieben sind. „Wir wollen nicht kämpfen, wir wollen leben“, so der eindringliche Appell vieler Dorfbewohner*innen an die Regierungen beider Länder.
Die Dorfgemeinschaften, vielfach von Armut und Isolation betroffen, kämpfen nicht nur mit der äußeren Bedrohung, sondern auch mit der inneren Erschöpfung. Die Psychologin Uzma Zaffar beschreibt die alltägliche Realität der Menschen als einen permanenten „Überlebensmodus“, der langfristig zu Burnout, Angstzuständen oder posttraumatischer Belastungsstörung führt. Frauen tragen in dieser Situation eine doppelte Last, emotional isoliert und zugleich oft Hauptverantwortliche für Kinder, Haushalt und Versorgung. Viele Männer, traditionell als Beschützer verstanden, erleben sich selbst als machtlos, was ihr Selbstwertgefühl tief erschüttert.
Mehr dazu hier: https://kashmirtimes.com/news/people-along-loc-in-kashmir-brace-for-a-war
Umstrittene Waqf-Reform: Wem gehören muslimische Stiftungen?
Die indische Regierung hat im April eine tiefgreifende Reform des Waqf-Gesetzes verabschiedet. Eine Maßnahme, die in muslimischen Community und unter Oppositionsparteien auf scharfe Kritik stößt. Waqf-Immobilien sind vergleichbar mit religiösen Stiftungen, die nicht verkauft werden dürfen und Muslim*innen gemeinnützig für Moscheen, Schulen, Friedhöfe oder Waisenhäuser zur Verfügung stellen. Der Bestand dieser Einrichtungen, die nicht verkauft oder umgenutzt werden dürfen, ist besonders für Indiens rund 200 Millionen Muslim*innen von zentraler Bedeutung. Bislang wurden diese Stiftungen von Landesgremien verwaltet, die aus Vertreter*innen muslimischer Institutionen und der lokalen Politik bestehen.
Zukünftig müssen alle Waqf-Ansprüche durch gültige Dokumente belegt werden, ein erheblicher Bruch mit der bisherigen Praxis, nach der auch mündlich verabredete Spenden oder traditionelle Nutzungen als legitim galten. Besonders brisant ist hierbei, dass bei Streitfällen, etwa mit staatlichen Eigentumsansprüchen, die Regierung das letzte Wort haben soll. Auch die Besetzung der Waqf-Gremien wird sich ändern, künftig dürfen auch Nicht-Muslim*innen berufen werden, ebenso ist eine gerichtliche Überprüfung der Entscheidungen der Waqf-Tribunale vorgesehen. Während die Regierung von Modernisierung spricht, warnen Kritiker*innen vor einer schleichenden Enteignung religiöser Räume unter staatlicher Kontrolle. Das zentrale Register für alle Waqf-Immobilien, das innerhalb von sechs Monaten eingeführt werden soll, sehen viele als Instrument zur Überwachung statt zum Schutz.
Mehr dazu hier: https://www.bbc.com/news/articles/cwyn87ly1pqo
Reingeschaut: Film über Ambedkars Leben
Auf der Plattform YouTube ist derzeit der sehenswerte Film „Dr Babasaheb Ambedkar“ aus dem Jahr 2000 zu sehen. Der Film zeichnet eindrucksvoll Ambedkars Biographie und seinem Wirken nach – eine ideale Ergänzung zu unserem ausführlichen Newsletter über Ambedkar im April. Die Regie führte Jabbar Patel, in den Hauptrollen sind Mammootty, Sonali Kulkarni, Mrinal Kulkarni, Govind Namdev und Mohan Gokhale. Der Film ist auf Englisch verfügbar. Schaut gerne rein!
Hier geht’s zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=xxHFHft7Y2A
Hohe Entschädigung für Dalit nach brutalem Angriff
Die Regierung des indischen Bundesstaates Karnataka hat einem Dalit-Mann eine Entschädigung von umgerechnet 15.600 Euro zugesprochen, nachdem ihm bei einem körperlichen Angriff infolge kastenbasierter Gewalt der linke Unterarm abgetrennt wurde. Der 32-jährige Anish Kumar aus der Adi-Karnataka-Gemeinschaft (Scheduled Caste) war im Juli 2024 von sieben Männern aus der dominanten Vokkaliga-Kaste überfallen worden. Der Übergriff eskalierte, auch seine Familie wurde angegriffen.
Die Entschädigung basiert auf den Vorschriften des „Scheduled Castes and Scheduled Tribes (Prevention of Atrocities) Act“, einem zentralen Gesetz zum Schutz von Dalits und Adivasi. Der Betrag wurde als Sonderfall genehmigt, und neben der regulären Entschädigung umfasst er auch die Kosten für eine Prothese.
Während vier der mutmaßlichen Täter festgenommen wurden, steht der Vorfall exemplarisch für die weiterhin weitverbreitete Gewalt gegen Dalits und für die tief verankerten sozialen Hierarchien. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung der Landesregierung ist ein wichtiger symbolischer Schritt.
Mehr dazu hier: https://www.thenewsminute.com/karnataka/karnataka-govt-sanctions-rs-1391-lakh-for-dalit-man-who-lost-hand-in-caste-attack
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