DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

In dieser Ausgabe unseres Newsletters werfen wir einen kritischen Blick auf jene Ränder der Gesellschaft, die nicht nur physisch, sondern auch politisch und bürokratisch gezogen werden. Im Zentrum steht dabei die Frage: Wer darf sprechen – und wer wird zum Schweigen gebracht?

Wir beleuchten, wie Indiens Regierung unter Narendra Modi systematisch versucht, kritische Stimmen selbst über Landesgrenzen hinaus einzuschüchtern. Ein aktueller Bericht zur Armut in Bangladesch zeigt zudem, wie Minderheiten in den blinden Flecken offizieller Entwicklungslogiken unsichtbar bleiben. Und auch in einem bewegenden Erfahrungsbericht über eine Dalit-Frau, der der indische Staat jahrelang einen Reisepass verweigerte, ist ein Beispiel dafür, wie institutionelle Ausgrenzung gezielt betrieben und über Generationen hinweg reproduziert wird.

Doch zwischen diesen Zeilen des Ausschlusses finden sich auch Zeugnisse des Widerstands: von transnationalen Advocacy-Netzwerken, die Repression sichtbar machen, über Wissenschaftler*innen, die neue Wege für eine gerechtere Politik aufzeigen, bis hin zu den persönlichen Kämpfen Einzelner, deren bloße Existenz zum Akt des Protests wird.

Mit dieser Ausgabe möchten wir all jenen Stimmen Raum geben, die nicht in offiziellen Statistiken auftauchen, aber umso lauter für eine Zukunft kämpfen, in der niemand mehr unsichtbar gemacht wird.

Viel Spaß bei der Lektüre,

Jacob Desai und Manuela Ott

Indiens Schatten: Transnationale Repression

Unter der Regierung von Narendra Modi und der hindunationalistischen BJP hat sich Indien nicht nur im Inland repressiver gegenüber kritischen Stimmen gezeigt, auch im Ausland weitet sich die Einschüchterung systematisch aus. Besonders in den USA und Kanada sehen sich Aktivist*innen, Journalist*innen und Politiker*innen, die die autoritäre Entwicklung in Indien kritisieren, zunehmender Verfolgung ausgesetzt. Laut Recherchen der Washington Post betreiben indische Geheimdienste gezielt Desinformationskampagnen über sogenannte „Disinfo Labs“, die eng mit rechten hindunationalistischen Netzwerken verwoben sind. Die Kampagnen reichen von digitalem Mobbing über Fake-News bis hin zu mutmaßlichen Mordaufträgen.

Ein prominenter Fall betrifft Sunita Vishwanath, Direktorin von Hindus for Human Rights (HfHR), deren Arbeit zu Menschenrechtsverletzungen in Indien im US-Kongress zitiert wurde und die deshalb zur Zielscheibe massiver Online-Angriffe wurde. Auch Abgeordnete wie Pramila Jayapal, die Modi öffentlich kritisieren, geraten ins Visier. Mehrere investigative Medienberichte deuten auf eine koordinierte Operation indischer Behörden hin, deren Ziel es ist, Kritiker*innen mundtot zu machen, auch außerhalb der Landesgrenzen.

Mehr dazu hier: https://www.hindusforhumanrights.org/transnationalrepression

 

Strukturelle Ausgrenzung und neue Wege der Armutsbekämpfung von Minderheiten in Bangladesch

Trotz beachtlicher Fortschritte im Bereich Armutsbekämpfung bleibt ein erheblicher Teil der sogenannten „extrem armen Bevölkerung“ Bangladeschs in religiösen und ethnischen Minderheiten verankert, darunter Gruppen wie die Chakma, Santal und Dalit. Eine aktuelle Studie zeigt, dass herkömmliche wirtschaftsbasierte Entwicklungsansätze nicht ausreichen, um die komplexen Ursachen der Armut in diesen Gemeinschaften zu erfassen. Vielmehr verdeutlichen qualitative Fallstudien, dass marginalisierte Gruppen unter struktureller Diskriminierung, politischer Vernachlässigung und gezielter Exklusion leiden. Fehlende Teilhabe, begrenzter Zugang zu staatlichen Leistungen und die Stigmatisierung durch hegemoniale Narrative, etwa „rückständig“ oder „unrein“, verfestigen die soziale Unsicherheit dieser Gruppen. Die Auswirkungen sind nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sicherheits- und identitätspolitischer Natur.

Die Studie, die sich auf über 50 Interviews und Fokusgruppengespräche stützt, ruft zu einem Paradigmenwechsel in der Entwicklungszusammenarbeit auf. Statt bloßer Integration fordert sie einen politischen Ansatz, der intersektionale Unterschiede respektiert. Zentrale politische Empfehlungen betreffen die Sichtbarmachung von Minderheiten in Programmen zur Armutsbekämpfung, eine gerechte Verteilung von Sozialleistungen, die Stärkung von Rechenschaftspflicht lokaler Behörden sowie koordinierte Advocacy-Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. Besonders hervorzuheben ist der Appell, den Staat nicht nur als Problem, sondern auch als Teil der Lösung zu begreifen, ein heikles, aber notwendiges Unterfangen für nationale wie internationale Entwicklungspartner.

Zur gesamten Studie geht’s hier: https://eba.se/wp-content/uploads/2025/03/Extreme-Poverty-and-Marginalisation-in-Bangladesh.pdf
https://www.youtube.com/live/E3GwI-Wgtkc

Reingehört: Esther Duflo über die Rolle von Empirie & Daten in Indiens Kampf gegen die Armut

In einer spannenden Sonderfolge des Podcasts The India Briefing spricht die Nobelpreisträgerin und Entwicklungsökonomin Esther Duflo mit Mukulika Banerjee und Pragya Tiwari über zwei Jahrzehnte evidenzbasierte Politik in Indien. Als Mitbegründerin des J-PAL-Forschungszentrums blickt Duflo auf hunderte Feldstudien zurück, die zeigen, wie sogenannte „randomisierte kontrollierte Studien“ dazu beitragen können, komplexe soziale Probleme in konkretes politisches Handeln zu übersetzen. Beispiele gehen von innovativen Programmen in Tamil Nadu bis zu Bargeldtransfers für marginalisierte Haushalte. Duflos zentrales Anliegen ist, dass der Kampf gegen Armut kann nur wirksam sein, wenn er auf belastbaren Daten und einem Verständnis für die Lebensrealitäten der Betroffenen basiert und eben nicht auf ideologischen Annahmen.

Duflo kritisiert gängige Vorurteile gegenüber armutsbetroffenen Menschen, etwa die Annahme, sie würden Bildung nicht wertschätzen, und erklärt, wie strukturelle Benachteiligung im Bildungssystem beginnt. Besonders eindrücklich ist ihre Beschreibung des Wandels der Ökonom*innenrolle, weg vom Entwerfen idealtypischer Modelle hin zum „Reparieren politischer Infrastruktur“. Auch aktuelle Herausforderungen wie geschlechtsspezifische Erwerbsunterschiede, die sozialen Dimensionen des Klimawandels oder die Zukunft des indischen Sozialstaats werden thematisiert. Die Folge zeigt: Eine gerechtere Zukunft für Indien braucht weniger große Versprechen, und mehr ehrliche, empirisch fundierte Antworten.

Hört hier rein: https://open.spotify.com/episode/45Jk4afhLohErMaL9prMf1

„Du hast keinen Vater?“ – Wenn Bürokratie Identitäten löscht

Die indische Bürokratie zeigt sich oft hartherzig, doch was passiert, wenn sie beginnt, ganze Existenzen zu leugnen? In einem bewegenden Erfahrungsbericht schildert eine Dalit-Forscherin und Tochter einer ehemaligen Devadasi, wie ihr der indische Staat wiederholt den Reisepass verweigerte. Allein deshalb, weil sie den Namen ihres Vaters nicht angeben konnte. Ihre Mutter, als Kind einem Tempel geweiht und lebenslang stigmatisiert, hatte sie allein großgezogen. Doch für Beamt*innen war das nicht legitim genug: Lachen, Spott und Ablehnung waren die Antwort auf ihren Antrag, trotz gesetzlicher Grundlagen, die die Angabe des Vatersnamens nicht mehr verlangen.

Die Geschichte ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck systemischer Ausgrenzung von Dalit-Frauen und ihre Kindern, deren bloße Existenz oft als Anomalie behandelt wird. Trotz mehrerer Gesetze gegen das Devadasi-System und ihrer eigenen Mitwirkung an politischen Reformentwürfen blieb ihr der Zugang zu einem einfachen Dokument jahrelang verwehrt. Erst am 26. Mai 2025, nach Jahren des Kampfes, erhielt sie endlich ihren Pass, ein kleiner, aber bedeutender Sieg über das System.

Ihr Bericht wirft ein grelles Licht auf das Zusammenspiel von Kaste, Geschlecht und Bürokratie in Indien, und auf das Schweigen der Behörden. Doch sie bleibt nicht stehen: Mit einer eigenen Bildungsinitiative kämpft sie heute dafür, dass Kinder aus marginalisierten Gemeinschaften sich nie wieder für ihre Herkunft rechtfertigen müssen. Ihr Engagement ist ein Appell an die indische Politik, und ein Akt tief empfundener Selbstbehauptung.

Mehr dazu hier: https://thewire.in/rights/how-the-system-denied-me-a-passport-because-i-am-a-devadasis-daughter

 
 

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