Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,
die im Oktober beginnende Wahl im politisch bedeutsamen Bundesstaat Bihar wirft ihre Schatten voraus und ist über die Grenzens Indiens bereits in den Nachrichten. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen derzeit Maßnahmen der Wahlbehörde, die von Expert*innen und Aktivist*innen scharf kritisiert werden. Was steckt dahinter, und welche Auswirkungen könnten diese Entwicklungen auf den demokratischen Prozess haben?
Neben der Wahl blicken wir in dieser Ausgabe auf die Arbeitslosenquote und stellen wieder einmal die Frage nach der Validität der Daten, die uns aus Indien zur Verfügung stehen.
Unsere Podcast-Empfehlung führt diesmal nach Kashmir. Die Episode, die wir ans Herz legen, bietet einen fundierten historischen Überblick und hilft, die komplexen Hintergründe der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen im Frühling besser zu verstehen.
Zum Schluss haben wir auch Good News: Eine inspirierende Geschichte aus Bihar zeigt, eine besondere Form der Solidarisierung eines höherkastigen Inders mit den Dalits.
Viel Spaß beim Lesen,
Jacob Desai und Manuela Ott
Bihar: Demokratie auf dem Prüfstand
Indien gilt seit seiner Unabhängigkeit 1947 als beispielloses demokratisches Experiment eingeführt in einem Land und zu einer Zeit, als noch weniger als 10 Prozent der Bevölkerung alphabetisiert waren. Die Architekt*innen der Verfassung wie B.R. Ambedkar hielten unbeirrbar am allgemeinen Wahlrecht für Erwachsene fest, lange bevor viele westliche Staaten, die Schweiz etwa erst 1971, es vollständig umsetzten. Heute, 75 Jahre später, droht dieses Fundament zu erodieren. In Bihar hat die Wahlkommission (ECI) überraschend eine „Special Intensive Revision“ der Wähler*innenlisten angeordnet, obwohl bereits im Januar 20225 ein revisionssicheres finalisiertes Wählerverzeichnis vorlag.
Hinter dieser Maßnahme sehen Kritiker*innen eine versteckte Einführung des hochumstrittenen National Register of Citizens (NRC), das benachteiligte Gruppen systematisch ausschließen könnte. Rund 80 Millionen Menschen müssen binnen Wochen neue Formulare, Fotos und eines von elf ausgewählten Dokumenten vorlegen, um ihre Staatsbürgerschaft zu beweisen, selbst, wenn sie seit Jahrzehnten regelmäßig gewählt haben. Aadhaar-Karte, Ration Card oder Labour Card werden nicht akzeptiert, während der Reisepass, den nur 2,4 Prozent der Biharis besitzen, als einer von wenigen gültigen Nachweisen gilt. Betroffen sind vor allem arme und marginalisierte Gruppen, Dalits und Adivasi, religiöse Minderheiten sowie Millionen Arbeitsmigrant*innen.
Für viele in Bihar ist dies ein „Votebandi“, ein Wahlverbot durch Bürokratie, das Hunderttausende von den Landtagswahlen im Oktober 2025 ausschließen könnte. Die Entscheidung wirft nicht nur Fragen zur Transparenz der ECI auf, sondern nährt auch den Vorwurf, dass demokratische Institutionen zunehmend parteipolitisch instrumentalisiert werden.
Mehr dazu hier: https://www.newsclick.in/democracy-few
Indiens Arbeitslosenzahlen geschönt oder nur unzureichend?
Indiens Wirtschaft wächst mit über 7 Prozent jährlich so schnell wie keine andere weltweit, doch für Millionen junge Menschen bleibt der Weg zu gut bezahlter Arbeit versperrt. Eine Reuters-Umfrage unter 50 unabhängigen Ökonom*innen legt nahe, dass die offizielle Arbeitslosenquote von 5,6 Prozent im Juni massiv unterschätzt ist, viele Expert*innen gehen von etwa dem Doppelten aus. Grund sind veraltete statistische Definitionen, die genutzt werden. Laut Periodic Labour Force Survey gilt bereits eine Stunde Arbeit pro Woche als Beschäftigung. Das führt dazu, dass auch unbezahlte Familienarbeit oder Subsistenzwirtschaft als „Jobs“ gezählt werden, was wiederum international kaum vergleichbar sei.
Kritiker*innen wie Pranab Bardhan (UC Berkeley) und Jayati Ghosh (University of Massachusetts) sprechen von Augenwischerei. Unterbeschäftigung sei die Regel, Löhne stagnierten oder seien real gesunken, während der Reichtum der Eliten explodiere. Duvvuri Subbarao, ehemaliger Gouverneur der Reserve Bank of India, verweist zudem auf die Jobstruktur, wachstumsstarke Sektoren wie IT oder Finanzen seien wenig arbeitsintensiv, während das verarbeitende Gewerbe vernachlässigt werde. Mehrere Befragte fordern deshalb eine gezielte Industriepolitik, Investitionsanreize und bessere Qualifikationsprogramme, um hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen.
Ein Viertel der Befragten verteidigt hingegen die offiziellen Daten als methodisch solide. Doch selbst sie räumen ein, dass diese nicht die ganze Realität abbilden. Für Frauen könnte es nach jetzigem Trend noch zwei Jahrzehnte dauern, bis ihre Erwerbsquote dem G20-Durchschnitt entspricht. In einem Land mit über 1,4 Milliarden Einwohner*innen stellt sich so die zentrale Frage: Wird Indiens Wachstum weiter an der Mehrheit vorbeigehen, oder gelingt es, die „Jobless Growth“-Falle zu durchbrechen?
Mehr dazu hier: https://www.reuters.com/world/india/official-india-jobless-data-is-not-accurate-say-top-independent-economists-2025-07-22/
Reingehört: Kaschmir vom „Paradies auf Erden“ zum Pulverfass
Reingehört: Kaschmir vom „Paradies auf Erden“ zum Pulverfass
Schneebedeckte Himalaya-Gipfel, saftige Täler und atemberaubende Landschaften. Kaschmir gilt bei Tourist*innen oft als „Paradies auf Erden“. Doch hinter dieser Idylle liegt einer der komplexesten und gefährlichsten Konflikte Südasiens. Seit Jahrzehnten ringen die Atommächte Indien und Pakistan um die Region, deren Geschichte eng mit Kolonialherrschaft, religiösen Spannungen und geopolitischen Rivalitäten verwoben ist.
In der Podcast-Folge, Deutschlandfunk, Der Rest ist Geschichte, wird die vielschichtige Vergangenheit Kaschmirs entfaltet, von der Herrschaft der Moguln über die Ankunft der britischen Ostindien-Kompanie im Jahr 1600 und die folgende Kolonialisierung zur Kronkolonie 1858, bis zu den dramatischen Ereignissen rund um die Teilung Britisch-Indiens 1947. Politische Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Jawaharlal Nehru und Mohammad Ali Jinnah treten als prägende Figuren auf um die Wurzeln des heutigen Kaschmir-Konflikts sichtbar zu machen. Die Episode beleuchtet zudem, wie sich der Streit im Kalten Krieg verschärfte und wie Indien und Pakistan schließlich zu Atommächten wurden.
Mit der Expertise von Politikwissenschaftler Pierre Gottschlich (Universität Rostock) und Historikerin Maria Framke (Universität Erfurt) bietet die Folge fundierte Einblicke. Wer verstehen will, warum Kaschmir bis heute einer der gefährlichsten Brennpunkte der Weltpolitik ist und welche historischen Weichenstellungen bis heute nachwirken sollte reinhören.
Hier reinhören (oder überall da, wo es Podcasts gibt): https://podcasts.apple.com/de/podcast/kaschmir-konflikt-s%C3%A4belrasseln-im-paradies/id1673952611?i=1000716661583
Vom Laufsteg zum Kampf gegen Kastenungerechtigkeit
Sanjeev Kumar, besser bekannt als Sanjeev Dom, verkörpert einen radikalen Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen in Indien. Ursprünglich als Model in Delhi erfolgreich, kehrte er nach einer prägenden Erfahrung bei der Hochzeit seiner Schwester in sein Heimatdorf in Bihar zurück. Während Gäste aus höheren Kasten ordentlich bedient wurden, mussten Angehörige der Dom- und Musahar-Gemeinschaft Essensreste von schmutzigen Blättern sammeln. Dieses Erlebnis markierte für Sanjeev den Wendepunkt. Er fügte seinem Namen den Zusatz Dom hinzu, ein symbolischer Akt der Solidarität mit den am stärksten Marginalisierten.
2006 gründete er die Outcast Welfare Organisation, die ohne ausländische Gelder in 18 Distrikten Bihars tätig ist. Ziel war es, Würde, Bildung und Chancen in Dalit-Siedlungen zu bringen, nicht als klassische NGO, sondern als Plattform für kollektives Empowerment. Selbst in der Covid-Pandemie organisierte er Impfkampagnen in Dalit-Gemeinschaften.
Heute zeigen sich die Früchte der Arbeit: Junge Menschen aus vormals ausgegrenzten Gemeinschaften studieren, arbeiten in Banken oder im Staatsdienst und schreiben ihre eigenen Erfolgsgeschichten. Sanjeevs Weg verdeutlicht, dass sozialer Wandel in Indien nicht nur von politischen Institutionen, sondern entscheidend auch von mutigen Einzelpersonen und Gemeinschaften getragen wird. Gerade Solidarität in den oftmals ignoranten höherkastigen Gemeinschaften ist essentiell, um mit dem Kastenwesen zu brechen.
Mehr dazu hier: www.etvbharat.com/en/!offbeat/from-catwalk-to-caste-war-bihar-model-turns-dalit-rights-crusader-enn25071800780
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