DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

diese Ausgabe führt uns von Kathmandu über Neu-Delhi bis ins ländliche Gujarat und zeigt, wie eng Fragen von Demokratie, Technologie und sozialer Gerechtigkeit miteinander verflochten sind. In Nepal erschüttert eine von der „Gen Z“ getragene Protestbewegung die politische Elite. Nach dem Verbot sozialer Medien und dem gewaltsamen Vorgehen der Polizei trat Premierminister Oli zurück, doch die Forderungen nach Aufarbeitung, Ende der Korruption und echter Perspektive für junge Menschen gehen weit darüber hinaus.

Auch in Indien wird um Grundrechte gerungen, denn das biometrische Aadhaar-System wirft weiterhin massive verfassungsrechtliche Fragen auf, während gleichzeitig internationale Konzerne tief in seine Verwaltung verstrickt sind. Einen positiven Kontrapunkt setzt ein Policy Brief von UN Women, der die Mehrfachdiskriminierungen von Dalit-Frauen und anderen Gemeinschaften, die aufgrund von Arbeit und Herkunft diskriminiert werden, weltweit ins Zentrum rückt. Und schließlich zeigt eine kleine, aber symbolträchtige Szene in Gujarat, wie jahrzehntelange Tabus brechen können. Der erste Haarschnitt einer Dalit-Frau in einem Dorf-Friseursalon steht für den Mut, gegen tief verankerte Strukturen aufzubegehren, und für die Hoffnung auf tiefgreifenden Wandel.

Viel Freude beim Lesen,

Jacob Desai und Manuela Ott

Nepal im Aufruhr: Rücktritt des Premierministers nach „Gen Z“-Protesten

In Nepal haben anhaltende Massenproteste die politische Landschaft erschüttert: Premierminister Khadga Prasad Oli trat zurück, nachdem ein kurzzeitiges Verbot sozialer Medien zu landesweiten Demonstrationen eskaliert war. Auslöser war die Sperrung von Plattformen wie Facebook, X und YouTube, doch schnell wurde daraus eine breitere Bewegung gegen Korruption, Vetternwirtschaft und die Privilegien der politischen Elite. Besonders die „Gen Z“, mobilisierte Zehntausende junge Menschen, die nicht nur für Meinungsfreiheit protestierten, sondern auch gegen eine Jugendkrise, die täglich über 2.000 junge Nepales*innen ins Ausland zur Arbeitsmigration zwingt.

Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als Polizeikräfte das Feuer auf Demonstrierende eröffnete und 19 Menschen getötet wurden. Videos in sozialen Medien zeigten Angriffe auf führende Politiker*innen, während Regierungsgebäude und Residenzen in Flammen aufgingen. Zwar übergab Oli sein Amt und führt nun eine Übergangsregierung, doch ob dies die Bewegung befriedigt, bleibt unklar. Viele Demonstrant*innen fordern nicht nur Aufklärung über die tödlichen Schüsse, sondern auch ein Ende der systematischen Korruption und der Vetternwirtschaft durch sogenannte „Nepo Kids“.

Hintergrund der Revolution ist die aussichtslose Situation einer jungen Generation, die mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit konfrontiert ist und sich einer abgeschotteten politischen Elite gegenübersieht, deren Kinder im Luxus leben, während die Mehrheit um Perspektiven ringt.

Die Proteste machen die explosive Mischung aus autoritären Einschränkungen, sozialer Ungleichheit und Generationenkonflikten sichtbar. Präsident Ram Chandra Poudel und die Armee rufen zwar zum Dialog auf, doch die „Gen Z“-Bewegung scheint entschlossen, grundlegenden Wandel einzufordern.

Mehr dazu hier: https://www.latimes.com/world-nation/story/2025-09-09/nepals-prime-minister-resigns-as-protests-against-the-government-and-corruption-rage-on

Aadhaar: Zwischen Verwaltungsvision und verfassungsrechtlicher Grauzone

Das indische Aadhaar-System gilt offiziell als Instrument zur „effizienten und transparenten“ Verteilung staatlicher Leistungen. Doch hinter der biometrischen Erfassung von über einer Milliarde Menschen verbirgt sich eine lange Geschichte institutioneller Unklarheiten und privater Einflussnahme. 2006 wurde das Projekt vom damaligen Kommunikationsministerium angestoßen, die strategische Vision für eine nationale Datenbank entwickelte jedoch das Beratungsunternehmen Wipro im Auftrag eines Regierungs-Komitees. Trotz Urteilen des Obersten Gerichtshofs, die zentrale Teile des Aadhaar-Acts für verfassungswidrig erklärten, blieb die Rolle privater Firmen wie Wipro sowie ausländischer Akteur*innen (Accenture, Ernst & Young, Idemia) weitgehend unangetastet. Prüfberichte des indischen Rechnungshofs deckten zudem wiederholt Missmanagement, überhöhte Kosten und Auftragsvergabe ohne Ausschreibungen auf.

Besonders problematisch ist die Verwischung der Grenzen zwischen „Individuum“, „Bewohner*in“ und „Bürger*in“. So können auch Nicht-Resident*innen eine Aadhaar-Nummer erhalten, was die jüngsten Entscheidungen des Supreme Court, Aadhaar als Nachweis bei Wähler*innenlisten zuzulassen, hochgradig brisant macht. Kritiker*innen verweisen darauf, dass sensible biometrische Daten nicht nur ohne echte Einwilligung gesammelt, sondern auch privaten Firmen zugänglich gemacht wurden. Dass der Gerichtshof die Verfassungsmäßigkeit des gesamten Projekts noch gar nicht abschließend geprüft hat, verstärkt die Sorge, Aadhaar könne zum Einfallstor für umfassende staatliche wie privatwirtschaftliche Kontrolle über die Daten der gesamten Bevölkerung werden.

Mehr dazu hier: https://www.moneylife.in/article/illegitimate-aadhaar-act-is-for-aadhaar-number-an-electronicbiometric-identifier-indias-first-mass-surveillance-mass-spying-unending-census-casepart-11/78107.html

Gegen jahrhundertealte Diskriminierung: UN Women veröffentlicht Positionspapier

Das UN Women hat gemeinsam mit der Stakeholder Group on Communities Discriminated on Work and Descent (SG-CDWD) erstmals ein globales Positionspapier vorgestellt, das die Situation von Frauen aus Gemeinschaften beleuchtet, die aufgrund ihrer Herkunft und Arbeit systematisch diskriminiert werden. Weltweit sind mehr als 270 Millionen Menschen betroffen, darunter Dalit-Frauen* in Südasien, Roma-Frauen* in Europa, Haratine in Afrika oder Quilombola in Lateinamerika. Die tief verankerte Ausgrenzung überschneidet sich vielfach mit patriarchaler Unterdrückung. Professorin Gay McDougall, stellvertretende Vorsitzende des UN-Ausschusses gegen Diskriminierung, betonte in ihrer Rede, dass echte Gleichstellung ohne die Auseinandersetzung mit diesen Mehrfachdiskriminierungen nicht erreichbar sei.

Das Papier benennt zentrale Herausforderungen wie Zwangs- und informelle Arbeit, Gewalt und Straflosigkeit, Hindernisse beim Zugang zu Bildung und Gesundheit sowie institutionellen Ausschluss. Gleichzeitig zeigt es positive Ansätze, wie etwa die Wahl von über 6.500 Dalit-Frauen in lokale Ämter in Nepal oder Programme zur Förderung weiblicher Führungspersönlichkeiten in Kolumbien. Die Empfehlungen reichen von Antidiskriminierungsgesetzen über systematische Datenerhebung bis zur Stärkung von Frauenorganisationen. Bemerkenswert ist auch die Einbettung in globale Entwicklungen. Erst kürzlich hat die Afrikanische Kommission für Menschenrechte Kasten- und kastenähnliche Systeme offiziell als Realität anerkannt, ein Präzedenzfall jenseits Asiens. Das Positionspapier fordert Regierungen, internationale Organisationen und Zivilgesellschaft auf, mutig gegen jahrhundertealte Diskriminierungssysteme vorzugehen.

Mehr dazu hier: https://mgos.org/2025/07/26/un-women-and-stakeholder-group-cdwd-release-global-policy-brief-on-women-from-communities-discriminated-based-on-work-and-descent-at-hlpf-2025/

Zum Policy-Brief selbst: https://www.unwomen.org/en/digital-library/publications/2025/07/women-belonging-to-communities-discriminated-against-based-on-work-and-descent

„Kleiner Schnitt, große Veränderung“ – Dalits brechen Tabu in Gujarat

Im Dorf Aalwada, in Gujarat wurde am 7. August Geschichte geschrieben: Die 24-jährige Landarbeiterin Kirti Chauhan war die erste Dalit-Frau, die in einem lokalen Friseursalon die Schere an ihr Haar ließ. Über Jahrzehnte waren die rund 250 Dalits des Dorfes von sämtlichen Friseur*innen ausgeschlossen und mussten in Nachbardörfer ausweichen, oft unter Verschleierung ihrer Identität. Nach monatelangen Kampagnen der Dalit-Gemeinschaft, unterstützt vom Aktivisten Chetan Dabhi, hoben Dorfälteste schließlich das Tabu auf. Der Dorfvorsteher sprach von einem schlechten Gewissen über die alte Praxis, während Friseur Pintoo Nai betonte, dass die Öffnung „gut fürs Geschäft“ sei.

Der symbolische Schritt wird als früher Unabhängigkeitstag gefeiert, ein „kleiner Schnitt mit großer Wirkung“, wie Aktivist*innen sagen. Ältere Dalits erinnerten an Jahrzehnte der Erniedrigung, die bereits vor der Unabhängigkeit begannen. Dennoch ist der Wandel nicht vollständig. Bei Gemeinschaftsfesten müssen Dalits weiterhin getrennt sitzen, wie Bauernvertreter Ishwar Chauhan betonte. Der Fall Aalwada zeigt jedoch, dass selbst tief verwurzelte Kastenschranken ins Wanken geraten können, ein kleiner Sieg, der Hoffnung auf umfassendere gesellschaftliche Veränderungen gibt.

Mehr dazu hier: https://timesofindia.indiatimes.com/city/ahmedabad/a-snip-of-freedom-banaskantha-village-ends-dalit-haircut-ban/articleshow/123350625.cms

 
 

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