Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,
die Themen dieser Ausgabe führen uns mitten hinein in aktuelle Auseinandersetzungen um Erinnerung, Identität und Gerechtigkeit in Indien. Die jüngsten Überarbeitungen des Nationalen Rates für Bildungsforschung und -ausbildung zeigen: Schulbücher sind längst nicht nur neutrale Bildungsmedien, sondern Schauplätze von Geschichtspolitik. Welche Vergangenheit Schüler*innen vermittelt wird, prägt entscheidend mit, welche Zukunftsvorstellungen möglich bleiben.
Doch Geschichte schreibt sich nicht nur in Büchern fort, sondern im Alltag - etwa beim Essen. Die Diskussion um Dalit-Kulinarik verdeutlicht, wie eng kulinarische Traditionen mit Diskriminierung, Widerstand und Selbstbehauptung verwoben sind. Parallel dazu machen alarmierende Zahlen zu Gewalt gegen Dalit- und Adivasi-Frauen in Madhya Pradesh sichtbar, wie verletzlich marginalisierte Gruppen im heutigen Indien sind. Die Streiks von Müllarbeiter*innen in Tamil Nadu werfen die grundsätzliche Frage auf: Reproduziert der Staat Kastenarbeit oder öffnet er Wege, sie zu überwinden?
Wir laden euch ein, diese unterschiedlichen Perspektiven mitzudenken. Denn, ob im Klassenzimmer, in der Küche oder auf der Straße: Immer geht es darum, wer gehört wird, wer Handlungsmacht hat - und wie gerechtere Zukünfte aussehen könnten.
Jacob Desai und Manuela Ott
Indiens Geschichtsschreibung zwischen Bildung und Ideologie
Die Auseinandersetzung um Schulbücher des Nationalen Rates für Bildungsforschung und Ausbildung (NCERT, National Council of Educational Research and Training) verdeutlicht einmal mehr, wie umkämpft Geschichtsschreibung in Indien ist. In jüngsten Überarbeitungen für die 8. Klasse werden muslimische Herrscher*innen nahezu ausschließlich als grausam und bilderstürmerisch dargestellt. Verschwiegen wird, dass Armeen und Verwaltungen in jener Epoche religiös gemischt waren und dass Gewalt, Tempelzerstörungen und Massaker Herrschaftspraktiken vieler Könige waren - unabhängig von Religion oder Herkunft.
Besonders deutlich wird die selektive Erzählung am Beispiel Aurangzebs. Seine Tempelzerstörungen werden prominent erwähnt, seine zahlreichen Zuwendungen an hinduistische Tempel hingegen ausgeblendet. Auch Babars Testament, das Respekt gegenüber hinduistischen Praktiken einforderte, bleibt unerwähnt. Diese einseitige Darstellung verfestigt muslimische Könige als Feindbilder und knüpft an koloniale Narrative an, die Machtkämpfe religiös aufluden, obwohl sie primär von Herrschafts- und Ressourceninteressen geprägt waren.
Unterschlagen werden auch die kulturellen und spirituellen Bewegungen derselben Epoche: Das Aufblühen von Bhakti und Sufismus, die Entstehung des Sikhismus oder die „Ganga-Jamuni tehzeeb“, eine gemeinsame Kultur aus Hindu- und Muslimtraditionen. Damit wird jungen Schüler*innen ein einseitiges Geschichtsbild vermittelt, das Vielfalt und Durchdringung indischer Traditionen unsichtbar macht. Vor diesem Hintergrund wächst die Sorge, dass das NCERT nicht mehr Bildung, sondern ein gemeinschaftliches Narrativ vorantreibt, mit weitreichenden Folgen für das gesellschaftliche Miteinander.
Mehr dazu hier: https://www.newsclick.in/ncert-history-tool-promoting-divisive-hate
Dalit-Küche: Wenn Essen zum politischen Statement wird
Essen ist nie nur Geschmack oder Ritual, es ist sowohl Erinnerung und Zugehörigkeit und Machtfrage. In Indien zeigt sich das besonders deutlich im Umgang mit sogenanntem „Dalit-Essen“. Shahu Patole hat mit „Dalit Kitchens of Marathwada“ ein bahnbrechendes Werk vorgelegt, das Rezepte mit Geschichten von Diskriminierung, Entbehrung und Widerstand verknüpft. Er erinnert daran, dass Dalit-Gemeinschaften seit Jahrhunderten Fleisch essen, lange bevor muslimische Einflüsse den Subkontinent erreichten.
Das Buch verdeutlich, dass Dalit-Essen nicht nur kulinarische Praxis, sondern ein politisches Statement gegen eine Gesellschaft ist, die Essgewohnheiten entlang von Kastenlinien moralisch auflädt. In Zeiten, in denen rechte Moralpolizist*innen Nicht-Vegetarier*innen aus Wohnanlagen ausschließen und Fleischkonsum stigmatisieren, wird das Erzählen solcher Essensgeschichten zum Akt der Selbstbehauptung. Patole kontert Kritiker*innen scharf: Wenn vegetarische „sattvische“ Nahrung tatsächlich zu mehr Menschlichkeit geführt hätte, gäbe es das Kastensystem längst nicht mehr. Indem Dalit-Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen ihre Rezepte, Erinnerungen und Symbole teilen, öffnen sie Räume für eine andere Vorstellung von Gemeinschaft - eine, die nicht ausgrenzt, sondern zum gemeinsamen Essen einlädt.
Mehr dazu hier: https://www.mid-day.com/news/opinion/article/have-you-tried-dalit-food-23586626
Alltag im Ausnahmezustand: Gewalt gegen Dalit- und Adivasi-Frauen in Madhya Pradesh
Die jüngst in der Staatsversammlung von Madhya Pradesh vorgestellten Zahlen machen das Ausmaß kastenspezifischer und geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen erschütternd deutlich. Zwischen 2022 und 2024 wurden 7.418 Vergewaltigungen an Dalit- und Adivasi-Frauen registriert - im Schnitt sieben pro Tag. Hinzu kommen 338 Fälle von Gruppenvergewaltigung und 558 Morde.
Auch jenseits dieser extremen Fälle ist die Lage bedrückend: 1.906 Frauen aus SC/ST-Gemeinschaften erlitten in den letzten drei Jahren häusliche Gewalt, fast zwei täglich. Zudem wurden 5.983 Fälle sexueller Belästigung gemeldet - im Schnitt fünf pro Tag. Insgesamt wurden 44.978 Straftaten gegen Dalit- und Adivasi-Frauen erfasst. Angesichts dessen, dass SC und ST zusammen etwa 38 Prozent der Bevölkerung von Madhya Pradesh ausmachen, ist die Dimension besonders gravierend.
Für viele Aktivist*innen ist klar, dass diese Gewalt nicht allein Ausdruck patriarchaler Strukturen, sondern eng mit der Logik des Kastensystems verflochten ist. Frauen aus SC/ST-Gemeinschaften sind doppelt verwundbar, durch Geschlecht und soziale Herkunft. Dass diese Realität überhaupt in offiziellen Statistiken sichtbar wird, ist ein wichtiger Schritt. Doch solange Schutzmechanismen schwach bleiben, Straflosigkeit fortbesteht und gesellschaftliche Stigmatisierung anhält, bleibt der Alltag für viele lebensgefährlich.
Mehr dazu hier: www.ndtv.com/india-news/7-scheduled-castes-tribes-women-raped-a-day-in-madhya-pradesh-assembly-told-8978570
Tamil Nadu: Verfestigen langfristige Stellen beim Staat Kastenstrukturen?
Die jüngsten Proteste der Müllarbeiter*innen der Greater Chennai Corporation (GCC) werfen erneut die Frage auf, wie Dalits, die in der Abfallentsorgung tätig sind, aus starren Strukturen kastenbasierter Arbeit befreit werden können. Thol. Thirumavalavan, Abgeordneter in Tamil Nadu und Vorsitzender der Viduthalai Chiruthaigal Katchi (VCK), machte zu seinem 63. Geburtstag, dass es nicht ausreiche, lediglich dauerhafte Regierungsstellen zu fordern. Eine solche Forderung verstärke vielmehr die Vorstellung, dass Dalits dauerhaft an Tätigkeiten wie der Reinigung von Latrinen, Abflüssen oder Müll gebunden bleiben. Ziel müsse vielmehr die vollständige Befreiung aus diesen Berufen sein, zumal Technologien weltweit längst viele dieser Arbeiten ersetzten.
Die Müllarbeiter*innen, angestellt im Rahmen der National Urban Livelihoods Mission (NULM), protestierten 13 Tage gegen die Privatisierung der Abfallentsorgung. Mit rund 23.000 Rupien (225 Euro) Monatslohn sichern sie ihr spärliches Auskommen, die Privatisierung würde ihn auf 15.000 Rupien (145 Euro) senken. Zwar verspricht der Privatsektor Sozialleistungen, doch die Beschäftigten argumentieren, dass ihre Nettolöhne, für grundlegende Lebenshaltungskosten nicht ausreichten. Sie fordern die Rücknahme der Privatisierungspläne, die Regularisierung ihrer Arbeitsplätze und grundlegende Arbeitnehmerrechte.
Thirumavalavan betonte, dass er den Protesten aktiv beiwohnte. Indem er den Fokus auf die Befreiung von kastenbasierten Berufen lenkt, knüpft er ihm zu Folge an das Denken von B. R. Ambedkar an. Er stellt die Grundsatzfrage, ob es emanzipatorisch ist, Dalits dauerhaft an „traditionelle“ Berufe im Staatsdienst zu binden - ob eine Privatisierung tatsächlich befreiender wäre, bleibt abzuwarten.
Mehr dazu hier: https://www.thenewsminute.com/tamil-nadu/permanent-jobs-in-garbage-collection-reinforces-caste-occupation-vcks-thirumavalan?utm_campaign=Worker%2BWeb&utm_medium=email&utm_source=Worker_Web_123
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