DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

das neue Jahr hat begonnen und Weihnachten liegt hinter uns. 2025 war ein Jahr voller spannender und auch besorgniserregender Entwicklungen in Indien und Südasien. Vom glücklicherweise beendeten Krieg zwischen Indien und Pakistan über die Bihar-Wahlen bis hin zu Debatten um Arbeitsmigration, Feminismus und den Aufstieg eines neuen Dalit-Kinos – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich hat sich viel bewegt. Lobby-Organisationen haben zudem es geschafft, bei der UN historische Durchbrüche zu Anti-Kasten Politiken zu erzielen, während US-Außen- und Zollpolitiken Wellen bis auf den Subkontinent schlugen. Dalits, das wurde erneut deutlich, sind als riesige heterogene Gruppe besonders vulnerabel und brauchen Schutz und Rechte in ihrer oft prekären Lage. Doch sie sind keineswegs hilflos: Sie organisieren sich, feiern Gemeinschaft und verändern die Welt Tag für Tag zu einem gerechteren Ort, in dem Kochbücher über die Dalit-Küche erscheinen können.

Herzlichen Dank, dass ihr/Sie unseren Newsletter 2025 so treu verfolgt habt!

In dieser ersten Ausgabe werfen wir einen Blick auf die neuen Arbeitsgesetze in Indien, auf einen Podcast zur erfolgreichen Armutsbekämpfung in Kerala, auf das Kastenmonopol in indischen Medien sowie auf die Schattenseiten von Mikrokrediten. Viel Vergnügen beim Lesen.

Jacob Desai und Manuela Ott

Verfassung vs. Smritis: Die neue indische Arbeits-Agenda

Die Shram Shakti Niti 2025, die neue indische Arbeitsrichtlinie, verknüpft moderne Politik mit den rund 2000 Jahre alten Texten, die Kastenhierarchie, geschlechtliche Unterordnung und rituelle Knechtschaft rechtfertigten. Was in dem Papier als „zivilisatorische Weisheit“ präsentiert wird, steht im fundamentalen Widerspruch zur indischen Verfassung. Die Smṛitis dienten der sozialen Kontrolle: Sie zementierten ungleiche Arbeitsteilung, erklärten Dienstbarkeit zur „natürlichen Bestimmung“ unterer Kasten und verwehrten Frauen rechtliche Autonomie. Ihre Bezugnahme markiert keinen kulturellen Stolz, sondern einen symbolischen Bruch mit dem egalitären Verfassungsversprechen.

Besonders fatal ist dies angesichts einer Realität, in der über 90 Prozent der Arbeiter*innen informell beschäftigt sind. Statt Rechte durchzusetzen, plant die Niti einen Rückzug des Staates zur bloßen Vermittlerrolle, was faktisch Deregulierung gleichkäme. In Kombination mit der Smriti-Ideologie wird Ausbeutung so als Ordnung legitimiert. Bereits Ambedkar hatte diese Texte als „Schriften der Sklaverei“ bezeichnet.

Mehr dazu hier: https://www.deccanherald.com/opinion/indias-labour-future-held-hostage-by-ancient-inequality-3780164

Die Schattenseite der Mikrokredite in Bihar

In Bihar - und in weiten Teilen des Subkontinents - wird die Mikrofinanzierung, die ursprünglich als Mittel zur Stärkung von Frauen propagiert wurde, zunehmend zu einem Instrument der Ausbeutung. Der Suizid von Siyaram Sahu, einem Tagelöhner verdeutlicht das Schicksal: Seine Familie musste einen Kredit von 50.000 Rupien für die Hochzeit der Tochter tilgen, während Inkassobeauftragte Drohungen und soziale Bloßstellung anwandten. Zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes konnte die Familie weder eine Kopie des Obduktionsberichts erhalten noch Anzeige erstatten. Medienberichte blieben auf Fußnoten beschränkt.

Staatlich geförderte Programme zur Frauenförderung wie Jeevika oder Mukhyamantri Nari Shakti Yojana binden arme Frauen in Zinsfallen (29 - 50 Prozent), ohne ausreichende Absicherung gegen Einkommensschocks oder ausbeuterische Praktiken. Die „Jeevika-Didis“, die eigentlich Unterstützung bieten sollen, werden oft zu Vermittler*innen der Rückzahlungsdisziplin und damit zu Werkzeugen des neoliberalen Systems. Während die Rhetorik wirtschaftlicher Selbstbestimmung und Resilienz hochgehalten wird, verschwinden der Schutz und die Verantwortung des Staates im Schatten von Schulden und hohen Zinsen. Der Fall Sahus macht deutlich: Empowerment misst sich nicht an der Zahl weiblicher Kreditnehmer*innen, sondern an der Freiheit von Angst, Belästigung und existenziellen Schulden. Eine echte Re-politisierung der Entwicklungsarbeit, die soziale Wohlfahrt vor die Interessen der Mikrofinanzunternehmen stellt, bleibt dringend erforderlich.

Mehr dazu hier: https://thewire.in/rights/debts-to-death-microfinance-menace-in-bihar

Reingehört: DLF-Podcast: Wie der Bundesstaat Kerala extreme Armut bekämpft

Für alle, die sich mit Fragen von Armut, Entwicklungspolitik und regionalen Modellen des sozialen Wandels auseinandersetzen, empfiehlt sich eine aktuelle Folge des Deutschlandfunk‑Podcasts „Eine Welt“ mit dem Titel „Indien: Wie der Bundesstaat Kerala extreme Armut bekämpft“. In diesem etwa 7‑Minuten‑Beitrag beleuchtet die Korrespondentin Stefanie Markert, wie Kerala einen Ansatz verfolgt, der extreme Armut nicht nur reduziert, sondern nach offiziellen Angaben nahezu eliminiert hat. Die Reportage zeichnet nach, welche politischen Strategien, lokalen Initiativen und sozialen Maßnahmen dabei eine Rolle gespielt haben und welche Fragen an Definitionen und Messmethoden von „extremer Armut“ sich daraus ergeben.

Hört hier rein: https://www.deutschlandfunk.de/indien-wie-der-bundesstaat-kerala-extreme-armut-bekaempft-100.html

Indische Medien: Kastenmonopol erstickt Dalit-Stimmen

Die indischen Medien sind geprägt von einem tief verwurzelten Kastenmonopol. Fast 90 Prozent der leitenden Positionen in großen englisch- und hindi-sprachigen Redaktionen sind Angehörige der oberen Kasten (Oxfam–Newslaundry Report 2022). Dieses Ungleichgewicht beeinflusst nicht nur, wer spricht, sondern auch, wie Realität erzählt wird. Ein Beispiel ist die Gewalt in Mirchpur 2010, als ein Dalit-Junge und sein Vater mit Behinderung von höherkastigen Angreifern lebendig verbrannt wurden. Die meisten Medien berichteten lapidar von einem „Zusammenstoß“. Während männliche Täter aus privilegierten Kasten in den Schlagzeilen als lokale Machthaber dargestellt werden, gelten Dalits oft als Rowdys.

Hinter dieser Voreingenommenheit steht auch ökonomische Macht. Wer in Redaktionen das Mikrofon kontrolliert, ist oft eng verbunden mit werbenden Unternehmen aus denselben privilegierten Kasten. Selbst Einsteiger*innen aus marginalisierten Gemeinschaften werden auf „Kasten-Geschichten“ beschränkt, während Politik und Wirtschaft den oberen Kasten vorbehalten bleiben. Über 85 Prozent der Diskussionsteilnehmer*innen in Hauptsendezeit-Debatten stammen aus höheren Kasten, was der Experte Achival Warke als „ein Schweigen, das wie Ausgewogenheit klingt“ beschreibt.

Mehr dazu hier: https://en.themooknayak.com/discussion-interview/scripts-of-power-caste-and-the-missing-voice-in-indian-newsrooms

 
 

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