Liebe Freund*innen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,
In New York wurde gewählt, die südasiatische Diaspora war wahlentscheidend und in Deutschland zeigt sich der Herbst ausnahmsweise von seiner sonnigen Seite. Aus dem Subkontinent erreichen uns Nachrichten von Anschlägen in Islamabad und Neu-Delhi. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen.
In diesem November Newsletter schauen wir auf den aktuellen Bericht von Amnesty über die Lage der Dalit Frauen in Bangladesch, einen neuen Hindutva-freundlichen Gesetz-Entwurf in Georgia/USA und auf die Situation von Wanderarbeiter*innen in Indien – an deren prekäre Lage zu Corona-Zeiten wir uns noch erinnern können – die heute weiterhin dramatisch ist. Zu guter Letzt empfehlen wir eine Dokumentation auf ARTE, zu einem schockierenden Vergewaltigungsfall und dem Kampf um Gerechtigkeit für die Überlebende auseinandersetzt. Sehr bewegend – bitte beachten Sie, dass der Film Szenen von großer Emotionalität und Intensität enthält, die tief berühren – bitte schauen Sie ihn nur, wenn Sie sich hierfür bereit fühlen.
Alles Gute für den November wünschen,
Jacob Desai und Manuela Ott
Eilmeldung: Tote nach Anschlägen in Delhi und Islamabad
Während wir den Newsletter Korrektur lesen, überschlagen sich in Indien und Pakistan die Ereignisse: Sowohl in Neu-Delhi als auch in Islamabad sind Anschläge verübt worden - jeweils mit mehreren Toten. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen. Es bleibt nun abzuwarten, wie die Länder mit den Schlagzeilen umgehen. Hoffen wir, dass sich die Gewaltspirale, zu der es Anfang 2025 gekommen ist, nicht wiederholt.
Weitere Infos: https://taz.de/Explosionen-in-Delhi-und-Islamabad/!6128812/
Amnesty Bangladesch: Unsichtbare Heldinnen im Kampf gegen die Klimakrise
Dalit-Frauen in Bangladesch, die in der Abfallentsorgung tätig sind spielen eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau nach klimabedingten Katastrophen wie Überschwemmungen, Wirbelstürme und Dürren. Doch ihr Beitrag wird systematisch verschwiegen. Aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit, ihres Geschlechts und ihres Berufs sind sie besonders stark von Diskriminierung betroffen, was sich im eingeschränkten Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene zeigt. Amnesty International dokumentierte zwischen April und Juni 2025 in Khulna und Satkhira die Lebensrealität dieser Frauen und zeigte, wie die Klimakrise bestehende Ungleichheiten verschärft.
Die Untersuchung macht deutlich, dass die doppelte Marginalisierung, soziale Ausgrenzung und klimabedingte Risiken, nicht nur individuelle Folgen hat, sondern strukturelle Menschenrechtsverletzungen widerspiegelt. Trotz ihrer zentralen Rolle im Katastrophenmanagement werden Dalit-Abfallarbeiterinnen kaum in politische Entscheidungsprozesse oder Programme zur Wasser- und Sanitärversorgung (WASH) einbezogen. Amnesty fordert daher eine partizipative Klimagerechtigkeitspolitik, die systematische Diskriminierung erkennt, marginalisierte Stimmen stärkt und sicherstellt, dass Dalit-Frauen in die Planung klimaresistenter Infrastruktur und Katastrophenvorsorge eingebunden werden.
Zum Report geht’s hier: https://www.amnestyusa.org/reports/left-behind-in-the-storm-dalit-women-sanitation-workers-and-the-fight-for-water-and-dignity/
Georgia: Gesetz gegen Hinduphobie oder Schutz einer politischen Ideologie?
Der US-Bundesstaat Georgia diskutiert derzeit den Gesetzentwurf SB375, der vorgibt, „Hindu-Feindlichkeit“ zu bekämpfen. Das Gesetz definiert „Hinduphobie“ als feindselige und abwertende Einstellung gegenüber Hinduismus und Hindu-Personen und soll Behörden ermöglichen, solche Vorfälle bei Ermittlungen einzubeziehen. Während Befürworter das Gesetz als wichtigen Schutz vor zunehmenden Hassverbrechen gegen Hindus in den USA sehen, gibt es starke Kritik an der vagen Definition von „Hinduismus“. Diese Unschärfe könnte dazu führen, dass legitime politische Kritik an der Hindutva-Ideologie, die Indien als hinduistischen Staat versteht, als religiöser Angriff ausgelegt wird. Damit drohen Einschränkungen auf Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen. Vorangetrieben wird SB375 von hindu-nationalistischen Gruppen wie der „Coalition of Hindus of North America“, die unter dem Deckmantel des Minderheitenschutzes kritische Stimmen zum Schweigen bringen könnten. Georgia schafft damit eine potenzielle Grauzone, die weitreichende Auswirkungen auf Religions- und Meinungsfreiheit haben könnte.
Mehr dazu hier: https://countercurrents.org/2025/10/the-definitional-trap-how-georgias-sb375-weaponizes-vagueness-states-hinduphobia-bill-protects-ideology-not-people/
Indiens unsichtbare Arbeiter*innen – Wachstum auf wackligen Schultern
Indiens Binnenmigration ist mit über 600 Millionen Menschen auf einem Rekordhoch. Millionen Wanderarbeiter*innen tragen entscheidend zum Wirtschaftswachstum bei, indem sie Städte bauen, Fabriken betreiben und Dienstleistungen leisten. Trotz ihres Beitrags leben viele von ihnen unter prekären Bedingungen, oft ohne Arbeitsverträge, Sozialversicherung oder politische Rechte. Besonders Dalit-, Adivasi- und OBC-Migrant*innen sind oft in gefährlichen und schlecht bezahlten Jobs gefangen, wobei ein Zusammenspiel von Kaste und Klasse eine neue Form von „Kasten-Kapitalismus“ schafft. Vermittler*innen kontrollieren ihre Löhne und Schulden, moderne Abhängigkeitsverhältnisse mit kolonialen Wurzeln.
Staatliche Programme wie e-Shram oder „One Nation One Ration Card“ bleiben weitgehend Symbolpolitik, weil politische Zuständigkeiten fragmentiert sind. Eine gerechte Entwicklungspolitik müsste Mobilität als soziale Realität anerkennen und Rechte portabel machen, sonst bleibt Indiens Wachstum auf systematischer Ungleichheit gebaut.
Mehr dazu hier: https://www.theindiaforum.in/economy/indias-migrants-and-exclusion-design?utm_campaign=Worker%2BWeb&utm_medium=email&utm_source=Worker_Web_129
Reingeschaut: Arte Reportage zum Kampf einer Dalit-Familie gegen das Kastensystem
Die Statistik ist erschreckend: In Indien registriert die Polizei offiziell täglich 86 Vergewaltigungen. Da sich die Frauen oft nicht trauen, die Vergewaltigung zu melden, und die Behörden nur zögerlich Anzeigen aufnehmen, ist die Zahl der missbrauchten Frauen im bevölkerungsreichten Land der Erde in Wirklichkeit wohl noch viel höher.
Im Westen des Landes, im wohlhabenden und konservativen Bundesstaat Gujarat, erzählt die Geschichte der heute 17-jährigen Kinjal von einem Indien, im dem eine Vergewaltigung augenscheinlich als „Kavaliersdelikt“ gilt. Vor drei Jahren wurde das junge Dalit-Mädchen vom Sohn eines Landbesitzers aus einer höheren Kaste vergewaltigt. Um die Sache zu vertuschen, bot die Familie des Vergewaltigers Kinjals Eltern an, ihnen Land zu schenken und 100.000 Euro zu zahlen - ein Vermögen. Doch Kinjals Vater lehnte den Kompromiss ab, er zog es vor, den Fall vor Gericht zu bringen. Ein seltener Akt des Mutes, aber ein Affront für die höheren Kasten. Als Zeichen seines Kampfes beschloss er, sich seine Haare erst wieder abzuschneiden, wenn der Täter verurteilt ist. Kinjal und ihre Familie können auf die Unterstützung von Manjula Pradeep zählen. Die Dalit-Aktivistin, widmet ihr Leben der Verteidigung von vergewaltigten Frauen. Sie möchte daran glauben, dass jede Überlebende, dem sie hilft, das letzte sein wird. Sechs Monate lang begleitete das Team von ARTE Reportage Kinjal und ihre Familie bei ihrer Suche nach Gerechtigkeit. Ein Einblick hinter die Kulissen Indiens, wo die Gewalt des Kastensystems das Leben von Hunderten Millionen Frauen bestimmen.
Zum Film hier: https://www.arte.tv/de/videos/123922-000-A/indien-geschichte-einer-vergewaltigung/
Oder direkt auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=Cm2uWLWLRU4
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