DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
 
Liebe Freundinnen und Freunde der Dalit Solidarität in Deutschland,

 

in dieser Ausgabe werfen wir einen detaillierten Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Indien, die für Dalits von besonderer Bedeutung sind. Der Newsletter beleuchtet unter anderem, dass Sterblichkeitsraten während der Covid-19-Pandemie signifikant höher waren als bisher angenommen, insbesondere unter marginalisierten Gruppen wie Muslim*innen und Dalits. Zudem werfen wir ein Licht auf die Herausforderungen, denen Dalits und marginalisierte Gruppen aufgrund der wachsenden Hitze durch den Klimawandel ausgesetzt sind – eine Belastung, die als „thermische Ungerechtigkeit“ bezeichnet wird. Ein besonders alarmierender Vorfall ereignete sich an der renommierten Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi, wo Dalits erneut Opfer von kastenbasierter Diskriminierung wurden.

 

Viel Spaß beim Lesen und bis bald,

Manuela Ott

Ist Migration in Indien weiblich?

Wussten Sie/wusstet Ihr, dass fast die Hälfte der indischen Frauen an einem anderen Ort lebt als an ihrem Geburtsort, während der Anteil bei Männern nur 11,3 Prozent beträgt? In einem Artikel von MINT, einer indischen Wirtschaftszeitschrift, wurden Daten zur Migration in Indien aus einer Haushaltsumfrage der indischen Regierung aus dem Jahr 2020/21 aufbereitet. Aus den Daten geht hervor, dass Arbeitsplätze für Männer der Hauptgrund für Migration sind: 39 Prozent der migrierten Männer im ländlichen Indien und 56 Prozent im städtischen Indien sind aus beruflichen Gründen an ihren aktuellen Wohnort gezogen. Bei Frauen ist der Hauptgrund jedoch die Heirat: Fast neun von zehn Frauen sind aus diesem Grund an ihren aktuellen Wohnort gezogen. Weniger als 2 Prozent der migrierten Frauen in Indien sind aus beruflichen Gründen umgezogen. Generell ist es interessant, dass ein Großteil der Migration innerhalb eines Bundesstaates verläuft und weniger von einem Bundesstaat zum anderen.

Mehr zur Migration in Indien samt aufbereiteter Grafiken hier: https://www.livemint.com/economy/in-charts-how-indians-move-within-the-country-11678642949279.html

Achtmal mehr Covid-Tote als bisher angenommen?

In Indien sind während der ersten Covid-Welle im Jahr 2020 1,9 Millionen mehr Menschen gestorben als im Vorjahr; das ist mehr als bisher vermutet. Die Berechnungen basieren auf einer Analyse der Zahlen aus dem nationalen Gesundheits- und Familienbericht der indischen Regierung von 2019 bis 2021, einem umfassenden Bericht über den Gesundheitszustand und das Wohlergehen der Familien im Land. Sie sind 1,5 mal so hoch wie die Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Zahl der COVID-19-Todesopfer in Indien. Die indische Regierung selbst zählte bisher bis Ende 2021 insgesamt „nur“ 481.000 Todesfälle durch das Virus.

Die Studie, die im renommierten Journal Science Advances erschienen ist, versucht, etwas Licht in die undurchsichtigen Berichte über die Covid-Todeszahlen zu bringen. Es sei laut den Autor*innen der Studie oft schwierig Sterblichkeitsraten genau zu erfassen. In Indien wird dies jedoch zusätzlich durch die Regierung vertuscht, indem beispielsweise Daten für 2021 nicht einsehbar sind. Die Expert*innen der Studie sind sich einig, dass eine größere Transparenz bei den von der Regierung gesammelten Daten der Bevölkerung Aufschluss darüber geben könnte, wie viele Menschen insgesamt durch die Pandemie tatsächlich ihr Leben verloren haben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie ist die ungleiche Verteilung der Sterblichkeit in Indien. Marginalisierte Gruppen, die dem Virus ohnehin vermehrt ausgesetzt waren, mussten mit Diskriminierung in Krankenhäusern und Gesundheitsstationen rechnen. Die Studie deckt tiefe Ungleichheiten unter den Opfern der Pandemie auf – basierend auf Geschlecht, Kaste und Religion. So sank die durchschnittliche Lebenserwartung von Brahmanen, der höchsten indischen Kaste, im Jahr 2020 um 1,3 Jahre, während die sogenannten „Scheduled Castes“, zu denen auch Dalits gehören, einen doppelt so hohen Verlust der Lebenserwartung erlitten. Am stärksten betroffen war die muslimische Gemeinschaft, deren Lebenserwartung im Jahr 2020 sogar um 5,4 Jahre sank.

Mehr dazu hier: https://www.aljazeera.com/news/2024/7/20/did-covids-first-wave-kill-eight-times-more-indians-than-announced

Zur wissenschaftlichen Studie hier: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adk2070

Warum Dalits der Hitze vermehrt ausgesetzt sind

In Indien wird der Klimawandel immer spürbarer. Die Hitzewellen in diesem Sommer haben die Hauptstadt Neu-Delhi teilweise in einen regelrechten Ofen verwandelt. Eine Studie des Indian Institute of Management in Bangalore zeigt, dass zwischen 2019 und 2022 weniger privilegierte Menschen, darunter Dalits, am Arbeitsplatz stärker von der Hitze betroffen sind als Arbeiter*innen aus höheren Kasten. Dies liegt vor allem daran, dass Angehörige aus weniger privilegierten Kasten durchschnittlich 43 bis 49 Prozent ihrer Arbeitszeit im Freien verbringen, während es bei Höherkastigen nur etwa 28 Prozent sind. Diese ungleiche Verteilung von Arbeitsbedingungen und Hitzebelastung wird von den Autor*innen der Studie unter dem Begriff „thermal injustice“ (thermische Ungerechtigkeit) zusammengefasst.

Mehr dazu hier: https://www.telegraphindia.com/india/thermal-injustice-study-flags-caste-factor-in-unfair-heat-exposure/cid/2032185

Dalit-Beleidigungen an Wänden der JNU

An der renommierten Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU) in Indiens Hauptstadt sind im Juli Schmierereien aufgetaucht, die Dalits verunglimpfen. Die Slogans, darunter „Dalits raus aus dem Land“, „Es lebe die Brahmanen-Bania-Kaste“, „Es lebe der Hinduismus“ und „Es lebe die RSS“, offenbaren die giftige Seite der kastenbasierten Diskriminierung, die heutzutage in hoch angesehenen Bildungseinrichtungen alltäglich und sichtbarer geworden ist.

Diese brahmanische, kastenorientierte Denkweise, die Dalits dazu auffordert, das Land zu verlassen, kann nicht isoliert betrachtet werden. Tatsächlich nimmt Verachtung zu, wenn Dalits ihre unabhängige Stimme erheben und sich dem allgemeinen politischen Diskurs, sei es von rechts, links oder der gemäßigten Mitte, nicht anpassen. Im indischen Mehrparteiensystem werden Dalits oft als „Stimmenräuber“ oder als „B-Team“ abgestempelt, die angeblich der BJP/RSS zum Sieg verhelfen.

Dalits sind an Indiens Universitäten häufig systemischen Vorurteilen ausgesetzt und erfahren vielfältige Formen der Diskriminierung. Der jüngste beunruhigende Vorfall an der JNU kann als Teil eines Prozesses auf dem Campus verstanden werden, der die soziale Ausgrenzung von Dalit-Studierenden aufrechterhält. Dies steht im Zusammenhang mit der ungleichen Verteilung von Ressourcen, wie Plätzen in Studierendenwohnheimen, Verpflegung und sanitären Einrichtungen.

Avichal Warke, Autor des Artikels auf The Wire, schließt mit dem Appell, dass dieser Vorfall als Mahnung für den fortwährenden Kampf gegen das Kastendenken dienen sollte. Er betont, dass auch heute ein unerschütterliches Engagement für Gleichheit und Gerechtigkeit vonnöten ist.

Mehr dazu hier: https://m.thewire.in/article/caste/casteist-slurs-on-jnu-walls-the-deep-rooted-casteism-in-indian-universities

 
 

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