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Kastendiskriminierung - Hintergründe, Realitäten, Auswirkungen


Kaste ist ein ursprünglich durch die portugiesischen Entecker und Kolonialherren eingeführtes Wort ("casta") zur Beschreibung des komplexen und stark hierarchischen indischen Sozialsystems. Diese meist verkürzt als 'Kastensystem' bezeichnete Sozialordnung, über deren Ursprünge Unklarheit herrscht, strukturiert die indische Gesellschaft in hierarchisch voneinander abgehobene Bevölkerungsgruppen, denen in der Regel auch unterschiedliche berufliche Funktionen zugeschrieben werden. Der allgemeinste Begriff für die Beschreibung der sozialen Gruppen ist das Wort "Kaste", das jedoch das damit angesprochene Phänomen nicht wirklich präzise erfasst.
Worum es beim Kastenwesen geht, zeigen die indischen Begriffe "Jati" und "Varna" sehr viel deutlicher: 'Jati' meint eigentlich 'Geburt', aber auch 'Familie', 'Clan', 'Beruf' - er steht für eine Gruppe, der man durch Geburt angehört, innerhalb derer nur geheiratet werden darf und die traditionellerweise eine bestimmte berufliche Tätigkeit ausübt. Während "Jati" sich auf die ca. 3000 Kastengruppen Indiens - einschließlich der Untergruppierungen der sogenannten Kastenlosen - bezieht, bringt der andere Begriff, "Varna", die hierarchische Gliederung der indischen Kasten in die bekannten vier Kasten-Gruppen zum Ausdruck: Nach einem in der Rig-Veda erzählten Mythos ist das Varna-System religiösen Ursprungs. Als die Menschheit durch die Zerteilung des Urmenschen Purusha geschaffen wurde, wurden die Brahmanen aus seinem Mund oder Kopf geformt, die Kshatriyas aus seinen Armen, die Vaishyas aus seinen Schenkeln und die Shudras aus seinen Füßen. Durch diese Gliederung werden bestimmte Verpflichtungen und zugleich eine Hierarchisierung festgelegt. Die Brahmanen sind als Priester und Gelehrte die Kenner und Lehrer der heiligen Schriften, die Kshatriyas sorgen als Krieger und Könige für die Wehrhaftigkeit des Gemeinwesens nach außen und die Verwaltung nach innen, die Vaishyas (Händler und Bauern) bilden das Fundament der Wirtschaft. Den Shudras werden die niedrigen Dienste für die Gemeinschaft (Landarbeiter und Handwerker) zugewiesen. Dass sie oft wie Sklaven gehalten und verachtet werden, wird damit gerechtfertigt, dass die ersten drei "Kasten" (Varnas) als die "Zweimalgeborenen" gelten, denen das Studium der religiösen Schriften erlaubt ist, während es den Shudras verschlossen bleibt.
Werden schon die Shudras in dieser Weise diskriminiert, so kommt einer fünften Gruppe, den "Avarnas" (Kastenlosen) allergrößte Verachtung zu. Sie stehen außerhalb des eigentlichen Kastensystems und sind für die allerniedrigsten, die unreinen und verunreinigenden Tätigkeiten wie die Arbeit mit Tierhäuten und Leder, das Wegschaffen von Unrat und Kadavern usw. zuständig. Sie sind die "Unberührbaren"; ihre Berührung, ja selbst die Berührung ihres Schattens oder ihr Anblick würde die höheren Kastenangehörigen (spirituell) verunreinigen. Nach der Logik der Purusha-Erzählung sind die "Avarnas" überhaupt keine Menschen, da sie nicht aus dem Leib des Urmenschen entstanden; sie sind, wie Tiere, verurteilt zu einer Schattenexistenz.
Nach der "reinen Lehre" hat jede einzelne Jati eine bestimmte Funktion innerhalb des Gesamtsystems. Die Zugehörigkeit jedes einzelnen zu seiner Jati ist durch sein Verhalten im vorigen Leben bestimmt (Karma). Eines der obersten Gebote des Hinduismus besteht darin, die Gesetze und Pflichten der jeweiligen Kaste ("Jati") strikt zu erfüllen (Dharma). Die meisten modernen Hindu-Reformer haben sich gegen das Kastensystem ausgesprochen, und die indische Verfassung stellt die Diskriminierung auf Grund der Kastenzugehörigkeit unter Strafe. Trotz einer gewissen Erosion des Kastensystems v.a. in den Städten besteht es auf dem Lande (und besonders im Heiratsverhalten) praktisch ungebrochen fort.


Die folgenden Seiten sind noch in Bearbeitung, werden aber bald zur Verfügung stehen.


:: Theorien zu Kasten

Hier werden historische Erklärungen vorgestellt und die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Macht und Diskriminierung untersucht.


:: Religionen und Kasten

Wie wird die kastenbedingte Diskriminierung in den heiligen Texten des Hinduismus religiös legitimiert und warum besteht dieses wohl älteste Diskriminierungssystem fast ungebrochen auch in den anderen Religionen fort? Welche Reformbestrebungen gab und gibt es?


:: Gesetzesgrundlagen

In Indien ist die Diskriminierung auf Grund der Kastenzugehörigkeit durch die Verfassung verboten. Auch eine Reihe weiterer Gesetze wurde dazu verabschiedet, so dass von der Papierform her alles in Ordnung ist. Das große Problem ist die Umsetzung! Einige der wichtigsten Gesetzestexte sind hier eingestellt.


:: Diskriminierung von Kasten und Hindutva

Der in den letzten 20 Jahren ungeahnt erstarkte Hindu-Nationalismus versucht unter dem Motto "Inder sein heißt, Hindu zu sein" eine religiös begründete nationale Identität aufzubauen und dahinter die Kasten- und Klassengegensätze verschwinden zu lassen. Auch die unteren Kasten und die Dalits sollen in eine homogene Identität assimiliert werden, welch dann aber die politische Artikulation von Gleichheits- und Gerechtigkeitsforderungen unterbindet. Wie reagieren die Dalit Netzwerke und - Bewegungen auf dieses Ansinnen?


:: "Atrocities" - gewalttätige Übergriffe

Beleidigungen, Entwürdigungen und entmenschlichende Behandlungen von Dalits sind an der Tagesordnung und werden tausendfach als Realität in der "Culture of Silence" hingenommen. Auch gewalttätige Übergriffe sind nicht selten und nehmen deutlich zu, seit die Dalits ihre Menschenrechte einfordern und ein Ende der Diskriminierungen verlangen.


:: Literatur

einführende und weiterführende Literatur haben wir gesondert zusammengestellt.




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last update: Sun Mar 27, 2005