DSiD - Dalit Solidarität in Deutschland
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Quotenregelung (und andere Förderungsansätze) für Dalits in der Privatindustrie

Bisherige staatliche Ansätze zur Überwindung der kastenbedingten Diskriminierung
Schon in früheren Epochen und während der Kolonialzeit gab es Versuche, die kastenbedingte Diskriminierung zu überwinden oder doch zumindest abzumildern. Einige wenige Dalits erreichten aufgrund spezifischer Förderung und durch einen bewunderungswürdigen Willen, ihre Situation zu ändern, darunter auch einige hohe Ämter mit beträchtlichem Einfluss. Der wohl wichtigste unter ihnen ist Dr. B. R. Ambedkar, Justizminister in der ersten Regierung nach der Unabhängigkeit, ‚Architekt' der indischen Verfassung, Vorkämpfer und heute Idol der gesamten Dalitbewegung; dann der ehemalige Staatspräsident Indiens, K.R. Narayanan sowie die erste Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Bundesstaates Uttar Pradesh, Frau Mayawati.
Neben diesen berühmten "Aufsteigern/-innen" gibt es natürlich inzwischen noch eine erkleckliche Anzahl anderer Dalits, die den Weg nach oben geschafft haben - was allerdings nicht bedeutet, dass sie nicht auch dann noch allerlei (subtilere) Formen der Diskriminierung zu erdulden haben.

Die vom indischen Staat in den letzten 50 Jahren ergriffenen Maßnahmen zur Förderung der Dalits lagen im wesentlichen auf 4 Ebenen:
» Affirmative Eingliederung der Dalits in das gesellschaftliche System durch Reservierung/Quotierung
» Diskriminierungsverbot
» Sicherung eines Anteils am gesellschaftlichen Wohlstand und Aufbau von Eigentum/Besitz    (Landreformbestrebungen und Quotierung)
» Wohlfahrtsprogramme gegen akute Notlagen und Maßnahmen zur gesellschaftlichen und persönlichen    Stärkung (Rabattprogramm für Grundnahrungsmittel, Versorgung mit Wohnraum, Trinkwasser und    Elektrizität, kostenlose Krankenversorgung, Quotierung im Erziehungsbereich usw.)

Ambedkar, ein Gegenspieler Gandhis in Fragen der Überwindung der traditionellen kastenbedingten Diskriminierung, erreichte in der Verfassungsdiskussion u.a. die Verankerung einer Stellenreservierungspolitik, die zunächst (1955) für einen Zehnjahreszeitraum vorgesehen war, aber immer wieder verlängert wurde. Sie sollte die Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen, unter denen die Dalits über Jahrhunderte litten, ausgleichen und besagt, dass ein bestimmter Anteil von Stellen (entsprechend dem Bevölkerungsanteil pro Bundesstaat) im öffentlichen Dienst und für Ausbildungsplätze im Schul- und Bildungsbereich, in staatlichen oder staatlich weitgehend kontrollierten Unternehmen, sowie für Sitze im Bundes- und in den Landesparlamenten (neuerdings auch den regionalen Parlamenten und Gemeinderäten) reserviert werden. Ihre Wirkung machte sich zunächst nur schwach bemerkbar, da viele ehemals Unberührbare gar nicht über die bildungsmäßigen Qualifikationen verfügten, um sich für einen der reservierten Plätze zu bewerben. Außerdem bezogen sich die Quoten auch nur auf den Anteil, aber nicht die Wertigkeit der Stellen und die Beförderungen. Zudem betrafen sie nicht das Militär und wurden oft straflos ignoriert, da der zu ihrer Durchsetzung berufene Kommissar über keine Durchgriffsrechte verfügt. Die Dalits und Stammesangehörigen konnten daher bis heute nicht die ihnen zukommenden Quoten auffüllen, vor allem nicht in den oberen Rängen der Verwaltung und staatlicher Einrichtungen. Bis heute gibt es erhebliche Mängel bei der Umsetzung der Reservierungspolitik, weil sie um einen viele Gegner auf den Entscheidungsebenen hat (noch überproportional von Angehörigen der höheren Kasten besetzt) und andererseits auch ein "Markt" für Bestechungsleistungen ist. Führende Vertreter der Dalitbewegung halten dennoch an dieser Quotierungsregelung fest, weil sie darin die einzige Chance sehen, so wenigstens einen kleinen Anteil des gesellschaftlichen Reichtums abzubekommen.
Dies gilt insbesondere für jene jungen (meist städtischen) Dalits, die eine gute höhere Bildung genossen und eine hohe Motivation haben, häufig jedoch keine Anstellung in der Privatwirtschaft (also außerhalb der quotierten Bereiche) finden, weil dort Diskriminierung und Kasten- und Klientelorientierung (manche Wirtschaftsbereiche sind fast ausschließlich von einer Kaste ‚usurpiert') noch weit verbreitet ist. Sie haben in der Regel viel Hoffnung und eine große Zuversicht, dass sie sich beweisen können - und diese Möglichkeit sollten sie auch bekommen, wenn man sie nicht in die Verzweiflung treiben will.

Kursorische Bewertung der staatlichen Integrations- und Ausgleichsmaßnahmen für Dalits
Die beschriebenen Maßnahmen waren vom Ansatz her sicher geeignet, die Lebenssituation der Dalits zu verbessern und sie in die indische Gesellschaft zu integrieren, doch gab es wohl nie einen ernsthaften politischen Willen, sie in die Tat umzusetzen und die Dalits waren (und sind noch) politisch zu schwach, eine stringentere Implementierung einzufordern. Im Gegenteil, die politische Grundstimmung des erstarkenden Hindu-Nationalismus könnte alle bisherigen Fortschritte wieder zunichte machen. Nur die zivilgesellschaftlichen Kräfte scheinen sich derzeit ernsthaft um eine Neupositionierung der Dalits zu bemühen.
Indien hatte durch die Übernahme der angelsächsischen Politiktradition schon immer ein stärker privat getragenes Bildungssystem gehabt und ist wohl u.a. deshalb mit dem Ansatz, Chancengleichheit und Integration für die Dalits über Bildungsanstrengungen zu erreichen, weitgehend gescheitert. Durch die zahlreich vorhandenen privaten Bildungseinrichtungen konnten die höheren und dominanten Kasten ihre Kinder immer in abgeschirmten und qualitativ sehr guten Einrichtungen unterweisen lassen, haben dadurch aber auch weitgehend das Interesse an einem guten und integrativ wirkenden öffentlichen Bildungssystem verloren. Das öffentliche Schulwesen wurde (zumindest in seinem ‚Unterbau') zum Feigenblatt für Arme, das mehr schlecht als recht (oder eigentlich gar nicht) funktioniert. Dieser Zusammenhang dürfte den beklagenswerten Zustand der öffentlichen Schulen und das gleichzeitige Vorhandensein einer bestens ausgebildeten Elite erklären.
Insgesamt haben sich aber trotz allem aus heutiger Sicht durch die "Reservierungspolitik" die Aufstiegschancen der Dalits verbessert. Kastenquoten vermitteln Chancen für beruflichen Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe und haben in kleinen Ansätzen so etwas wie einen schmalen "Dalit-Mittelstand" geschaffen, von dem aus nun neue Generationen, ausgestattet mit einem manchmal unbändigen Willen und einer hohen Motivation, ihre Chance zu nutzen, einen weiteren Aufstieg wagen können.

Die Auswirkungen der Globalisierung und der neuen indischen Wirtschaftspolitik auf die Dalits
Die Globalisierung in der Weltwirtschaft geht mit einem starken Druck zur Liberalisierung, Entstaatlichung und Privatisierung der Wirtschaft einher. Dieser Prozess hat in Indien Anfang der 90er Jahre mit der Öffnung der indischen Märkte und der Privatisierung der Unternehmen begonnen, die sich bis dahin noch zu einem nicht geringen Teil in den Händen der Regierung befanden, und hat mittlerweile zur "Freisetzung" einer großen Zahl von Beschäftigten (richtiger: teilweise Unterbeschäftigter) v.a. in den Sektoren der einfacheren Arbeiter und Angestellten geführt (und damit v.a. von Dalits und Ureinwohnern, die - wenn überhaupt - bisher nur auf diesen Ebenen die Quoten vollständig auffüllen konnten).
Ein weiteres Charakteristikum der Globalisierung ist die zunehmende Mechanisierung und Automatisierung der Produktion, die wiederum v.a. Stellen mit geringeren Qualifikationsanforderungen und Fähigkeitsprofilen wegrationalisiert. Auch dadurch sind wieder die Dalits und Ureinwohner überproportional betroffen. Die durch neue Industrien geschaffenen neuen Arbeitsplätze haben dieses Defizit zumindest in den derzeit schon für Dalits zugänglichen Wirtschaftsbereichen bisher nicht ausgleichen können.
Als (in ihrem Großteil) Arme sind die Dalits auf grundlegende Sozialleistungen des Staates angewiesen. Jede Krankheit wird für sie sonst zum lebensbedrohlichen Risiko. Ohne zumindest eine kostenlose (und qualitativ gute) Grundbildung haben sie kaum eine Chance, die ihnen traditionell zugewiesenen Berufe und Rollen zu verlassen und ihre Möglichkeiten und Gaben zu entfalten. Die Globalisierung führt aber dazu, dass gerade diese für Arme lebenswichtigen Bereiche (bis hin zur Wasserversorgung) privatisiert und damit zumindest für sie teurer werden. Durch ihr in der Regel außerordentlich geringes Einkommen sind die meisten Dalits jedoch nicht in der Lage, diese Dienstleistungen zu ‚kaufen' und für sich zu nutzen.

Die Rolle der Privatwirtschaft bei der gezielten Förderung der Dalits (Quotierungspolitik als "affirmative action")
Es wäre aus unserer Sicht ein Ausdruck der sozialen Verantwortung der deutschen/europäischen Unternehmen, die sich in Indien engagieren, wenn sie auf freiwilliger Basis die Kriterien der Stellenreservierungspolitik, wie sie vom indischen Staat entwickelt worden sind, im wesentlichen übernehmen würden.
Aus unserer Sicht würde dies sehr zur gesellschaftlichen Eingliederung ("Mainstreaming") einer bisher sehr stark benachteiligten und ausgegrenzten Minderheitengruppe (ca. 16%) beitragen und auf diese Weise mehr Gerechtigkeit befördern, altes erlittenes Unrecht etwas ausgleichen und integrativ auf eine Gesellschaft einwirken, die noch immer von relativ starren inneren sozialen Grenzlinien dominiert ist. Außerdem könnte sie als Manifestation des Willens der Unternehmen gesehen werden, die Globalisierung human zu gestalten, was gerade in Indien sehr wichtig sein wird. Es könnte daran auch deutlich werden, dass die Unternehmen den Willen und die Entschlossenheit vieler Dalits ernst nehmen, aus ihren bisherigen sozialen Restriktionen herauszukommen und nur nach ihren persönlichen Fähigkeiten bewertet zu werden. Dalits sollten eine faire Chance auch in der Privatwirtschaft bekommen.
Die Congress-Partei hat vor kurzem diese Idee, die zuvor nur in Kreisen der Zivilgesellschaft diskutiert worden war, in ihr Wahl-Manifest aufgenommen. Eine gründliche Prüfung dieser Frage wurde auch im "Common Minimum Programme" der neuen Koalitionsregierung versprochen.
Da wir jedoch auch die offenbaren Risiken/Nachteile eines solchen affirmativen Quotensystems sehen, verbinden wir sie mit dem Vorschlag, ein betriebsbezogenes Fortbildungs- und Qualifizierungsprogramm einzuführen, das speziell den Mitarbeitenden aus der Gruppe der Dalits (und Adivasis) zu Gute kommt und sie jeweils und schrittweise befähigen wird, auch höhere Positionen/Funktionen im Unternehmen funktionsgerecht auszufüllen.
Weitere oder andere denkbare Programme zur Unterstützung von Dalits durch Privatfirmen könnten sein:
» Programm für Schul- und Studienstipendien
» Programm zur Lehr- und Lernmittelfreiheit (Ausstattung von Schulen)
» Firmeneigene Schulen (ggfs. mit Zuschüssen des Staates von den Firmen betrieben, einschließlich der    Lehrergehälter, halten sich an die Lehrpläne, arbeiten aber mit kinderfreundlicheren    Unterrichtsmethoden)

Anwendung derselben Politik auf die Bevölkerungsgruppe der Adivasis ("Ureinwohner")
Da die Ureinwohner (Adivasis) ebenfalls eine sehr stark marginalisierte und ökonomisch schwache Gruppe innerhalb der indischen Gesellschaft sind (allerdings nicht mit einem so starken sozialen Stigma verbunden), wäre vorstellbar, die oben angesprochenen Möglichkeiten zur Verbesserung der sozialen und gesellschaftlichen Situation auch auf diese Gruppe anzuwenden.

In diesem Zusammenhang sind folgende theoretischen Beiträge von besonderem Belang:


:: S.K.Thorat, Remedies Against Market Diskrimination: Lessons from International Experience for    Reservation Policy in Private Sector in India, Mskr., April 2004
:: S.K.Thorat, On Reservation in Private Sector, in: Economic and Political Weekly, June 2004

"Zeigt her Eure Schuh"

Obwohl die Leder- und Schuhproduktion von der traditionellen Kastenordnung her eine den Dalits zugewiesene Domäne ist, hat sich mit der Kommerzialisierung die Szene in den letzten ca. 100 Jahren außerordentlich ausdifferenziert. Wo immer Geld zu verdienen war, sind auch andere Gruppen und/oder Kasten in das Geschäft eingestiegen. Meist blieb den Dalits nur die wenig einträgliche Dreckarbeit. Mit der Marktöffnung Indiens im Zusammenhang der Globalisierung hat sich die Situation weiter verändert und diversifiziert. Öffnen sich auch (Markt-) Chancen für Dalits?

DSiD bereitet zu diesen und weiteren Fragen eine Studie vor. Deren Ziele und Arbeitsschwerpunkte hoffen wir in Kürze vorstellen zu können.

Die Verhältnisse und Dynamiken in diesem Produktionssektor in der Gegend um Kanpur beschreibt sehr detailliert der Beitrag von Dr. Maren Bellwinkel-Schempp.


:: M. Bellwinkel-Schempp, Symbolik des Fußes und der Fußbekleidung in indischen Kulturkontexten, Mskr.,
    Juli 2002




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last update: Sun Mar 27, 2005